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Die Corona-Krise sorgt in der norddeutschen Industrie und damit auch bei den Werften für große Verwerfungen. Eine aktuelle Erhebung macht die Dramatik aus Sicht der Unternehmen sichtbar.

Die Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord haben trotz und gerade wegen der derzeitigen Herausforderungen ihre alljährliche Frühjahrsumfrage durchgeführt. 125 der 670 Mitgliedsfirmen mit ca. 50.000 Beschäftigten in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und dem nordwestlichen Niedersachsen nahmen teil. 11% der Nordmetall-Mitglieder kommen aus dem Bereich Schiffbau/Werft.

Nordmetall-Präsident Thomas Lambusch wurde in einer Videobotschaft deutlich: »Die norddeutsche M+E-Industrie steuert durch die Corona-Krise auf einen Strukturbruch mit weitreichenden Folgen zu.«

51 % der Mitgliedsunternehmen ordnen die Geschäftslage der Umfrage zufolge als unbefriedigend oder schlecht ein, ein Negativrekord in den vergangenen zehn Jahren. Die Kapazitätsauslastung sinkt mit 71,5 % noch deutlich unter den bisherigen Tiefstwert aus der Finanzkrise 2010. 73 % der Betriebe erwarten im nächsten halben Jahr Umsatzeinbußen, fast die Hälfte in zweistelliger Größenordnung. Als Ursache wird eindeutig die Corona-Krise identifiziert: Fast 40 % der Unternehmen hätten dadurch bereits Produktions- und Lieferausfälle erlitten.

Insolvenzen drohen

»Der durchgehend negative Trend manifestiert sich besonders in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern, bei Flugzeug- und Schiffbauern sowie den Gießereien«, heißt es. Die Werften mussten bereits vor Wochen auf die Entwicklungen reagieren, es gibt Kurzarbeiter-Regelungen beispielsweise bei den MV Werften, bei der Meyer Werft, die ohnehin schlingernde FSG hat den Betrieb vorübergehend eingestellt.

Trotz der Krise wollen 67 % der Betriebe ihre Belegschaften halten, nur 25 % planen Personal abzubauen, heißt es offiziell seitens des Verbands. Ursache dafür seien die stark genutzten Kurzarbeiterregeln: 34 % der norddeutschen M+E-Betriebe hat bereits Kurzarbeit eingeführt, insgesamt 53 % planen es in diesen Wochen. Ein Viertel aller Unternehmen sieht sich in weniger als einem halben Jahr von Insolvenz bedroht.

»Die Lage ist dramatisch und mit einem vorübergehenden Konjunktureinbruch wie noch im vergangenen Herbst absolut nicht zu vergleichen«, so Lambusch. »Der Shutdown in weiten Teilen der Welt, das plötzliche Wegbrechen zentraler Absatzmärkte in China, den USA und Europa, die unterbrochenen Lieferketten und die eingeschränkte Produktion sind Ursachen der Krise.« Lambusch dankte den rund 140.000 Beschäftigten in der norddeutschen Industrie für ihre umsichtige Reaktion auf veränderte Produktionsabläufe oder ihre Bereitschaft zu kurzfristig angesetzter Kurzarbeit. Die Politik habe dies mit rasch verbesserten Kurzarbeiterregeln ermöglicht, die die Unternehmen nun in sozialer Verantwortung für ihre Mitarbeiter umsetzen würden. Zudem bedankte er sich bei der Gewerkschaft IG Metall Küste, die in dieser Situation einen schnellen Tarifabschluss ohne Entgeltsteigerungen und mit neuen Möglichkeiten zum Einsatz von Arbeitszeitkonten mitgetragen habe. All das komme jetzt den Betrieben und Beschäftigten unmittelbar zugute und helfe, Standorte und Arbeitsplätze zu sichern.

Aus der Krise ergäben sich Gefahren für den Bestand ganzer Industriezweige im Norden, sagte Lambusch weiter. »Wenn die Existenz großer Airlines und Kreuzfahrtanbieter in Frage steht, wird das sehr rasch Auswirkungen auf Werften und Flugzeugbauer haben. Wir werden auf Gewerkschaft und Politik zugehen, um hier frühzeitig einen Schulterschluss zugunsten bedrohter Industriezweige herzustellen.«

Der durch die Corona-Pandemie beschleunigte Strukturwandel mache an vielen Stellen ein Umdenken erforderlich. Geschäftsmodelle müssten überprüft, Branchen gegebenenfalls insgesamt neu ausgerichtet werden. Auf der Makroebene sei nach dem schrittweisen Wiederhochfahren der Produktion in den nächsten Monaten nicht nur ein gezieltes Aufbauprogramm vonnöten, sondern auch zusätzliche Konsolidierungsanstrengungen, um die in der Krise aufgebauten Schuldenberge wieder abzutragen. »Die Politik darf der Wirtschaft nun keine neuen Lasten mehr für soziale Wohltaten oder Klimaschutz auferlegen, sondern muss sie gezielt unterstützen und entlasten. Anders ist die Herkulesaufgabe der Corona-Krisenbewältigung nicht zu bewältigen«, sagte der Verbandschef.

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