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Die weltweite MPP- und Projektbranche hängt traditionell immer auch ein wenig

am Tropf globaler (Industrie-)Investitionen. Durch die Corona-Krise droht nun eine gewisse Unterernährung.

Die wichtigste – und einschneidenste – Zahl vorneweg: -40%. Darauf beziffert die »Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung«, besser bekannt[ds_preview] als UNCTAD, den potenziellen Einbruch ausländischer Direktinvestitionen (FDI) in diesem und im nächsten Jahr. 40%, das wäre ein enormer Rückgang des Richtwerts, zu dem auch sogenannte »Greenfield«-Investitionen gehören. Jene Investitionen also, die im Rahmen von industriellen Entwicklungen anfallen, wenn Fabriken, Anlagen oder Ähnliches aufgebaut werden. Von diesem Punkt gelangt man schnell auf eine maritime Komponente: Aus solchen Projekten in den Bereichen Industrie und Rohstoffe entsteht sehr oft eine messbare Nachfrage nach seeseitigen Transporten von Modulen, Maschinen, Industriegütern oder Stahl – alles Ladungen, auf die die Mehrzweck- und Schwergutschifffahrt setzt und hofft.

Zum Vergleich: Im Zuge der Finanzkrise 2008/2009 betrug der Rückgang 35%. Doch die aktuelle Krise könne deutlichere Spuren hinterlassen. Zum einen, weil sie weltweit passiert, zum anderen, weil keine Verzögerungen anstehen, sondern die Effekte durch die Shutdowns unmittelbar spürbar sind. Allein in China sackten laut UNCTAD die Investitionen durch die Schließungen in den ersten zwei Monaten um 24% ab. Nicht zuletzt könnte ein doppelter Einbruch bevorstehen, da die Unternehmen Schwierigkeiten bekommen könnten, ihre finanziellen Verbindlichkeiten zu bedienen, was wiederum zu weiteren Problemen führt.

Zusätzlicher Negativ-Effekt »Ölpreis«

Angesichts der Corona-Krise und den damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in vielen Ländern hat die UNCTAD eine neue Einschätzung veröffentlicht. Das Ergebnis ist deutlich: »Der Ausbruch und die Ausbreitung des Coronavirus (Covid-19) werden einen dramatischen Rückgang der globalen FDI verursachen. Schätzungen der wirtschaftlichen Auswirkungen und Gewinnrevisionen der größten multinationalen Unternehmen deuten darauf hin, dass der Abwärtsdruck auf die FDI im Zeitraum 2020-2021 -30% bis -40% betragen könnte«, heißt es in der Analyse.

Am stärksten betroffen ist die Energie- und Grundstoffindustrie – die zudem mit dem Ölpreisverfall zu kämpfen hat. Weil sich die erdölexportierenden Staaten einen Kampf um Marktanteile liefern, sackte der Preis im März dramatisch ab. Lag er Anfang des Jahres wenigstens noch bei 69$ pro Barrel der Nordseesorte Brent, rutschte er auf zwischenzeitlich unter 23$. Trotz der Einigung der Förderländer auf eine beispiellose Reduzierung der Fördermengen kletterte der Preis im April nur kurz über die 30-$-Marke.

Ölpreis-Verfall und politische Instabilitäten sorgten schon in der Vergangenheit immer wieder für einen Rückzug von Investoren.

Astrit Sulstarova, UNCTAD-Experte für Investment-Trends macht gegenüber der HANSA deutlich: »Wir werden auch Rückgänge in Ländern sehen, deren Wirtschaftskraft von natürlichen Ressourcen abhängt. Sinkt der Ölpreis, sinkt der Gewinn der entsprechenden Unternehmen. Sind sie nicht mehr profitabel, werden Investitionen zurückgefahren.« Die Re-Investitionen solcher Unternehmen machen einen großen Teil der Greenfield-FDIs aus. Davon betroffen sein dürften seiner Ansicht nach nicht zuletzt Südamerika und Afrika – Regionen mit prinzipiell hohem Bedarf an industriellem Auf- und Ausbau.

Die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung sowie die von den Regierungen erzwungenen Sperrmaßnahmen betreffen alle Komponenten der FDIs. Reale Investitionsausgaben, Greenfield-FDIs und Erweiterungen werden durch physische Schließungen von Standorten und Produktionsverzögerungen behindert. »Es ist jetzt offensichtlich, dass die Bemühungen und die Abschottung der Märkte weltweit verheerende Auswirkungen auf alle Volkswirtschaften haben werden, unabhängig von ihren Verbindungen zu den globalen Logistikketten«, meinen die UNCTAD-Experten. Auch China und seine milliardenschwere Investitionsinitiative »One Belt One Road« dürfte davon betroffen sein, meint Sulstarova. Die maritime Seidenstraße werde einen Dämpfer bekommen.

Zwar dürften viele Projekte »nur« verschoben werden. Allerdings könnte so manche Investition auch in Gänze auf dem Spiel stehen, sollten sich die Tendenzen zur De-Globalisierung in der Corona-Krise verschärfen. Bauen Unternehmen mehr Indus­trie im eigenen Land auf, fallen weniger Auslandsinvestitionen an. Entsprechende Forderungen gibt es mittlerweile in einigen Ländern. So soll die Abhängigkeit von anderen Volkswirtschaften reduziert werden.

Doch eine Glaskugel hat auch die UNCTAD nicht, genaue Prog­nosen sind in diesen Zeiten äußerst schwierig. »Letztendlich wird der Rückgang von der Schwere und Dauer der Pandemie in den verschiedenen Regionen und Ländern sowie vom Umfang der Eindämmungsmaßnahmen abhängen, die die Regierungen ergreifen müssen«, so der Report.

Mindestens genauso wichtig ist, wie die Regierungen mit Rettungs- und vor allem Konjunkturprogrammen reagieren, dadurch wird nicht zuletzt das Tempo der Erholung bestimmt. Die meisten dieser Pakete werden voraussichtlich Maßnahmen zur Investitionsförderung enthalten, wie zum Beispiel eine beschleunigte Abschreibung der Investitionsausgaben nach der Pandemie.

Politische Reaktion entscheidend

»Der Nachfrageschock wird voraussichtlich tief sein, aber wenn sich die politische Reaktion als wirksam erweist, könnte sich die Erholung relativ schnell vollziehen, wenn die verzögerten Investitionen wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Die negativen Auswirkungen der Pandemie auf Investitionen in Verbindung mit globalen Produktionsnetzen könnten jedoch dauerhafter sein«, meinen die Analysten.

An dieser Stelle wird ein gewisses Umdenken sichtbar. Bislang galten politische Entwicklungen eher als Unsicherheitsfaktor. Erst Recht, seitdem protektionistische Tendenzen an vielen Regierungssitzen Einzug gehalten haben. So hieß es in einem der letzten, noch positiveren, Berichte der UNCTAD: »Die Wachstumsprognose resultiert im Ergebnis vor allem aus dem Umstand, dass der positive Einfluss der wirtschaftlichen Faktoren als schwerwiegender eingeschätzt wird als der negative Effekt politischer Risiken.« Aktuell dominiert jedoch die Unsicherheit. »Unsicherheit bringt Investoren dazu, inne zu halten. Ist die Aussicht schlecht, ist es immer noch besser als die Unsicherheit«, meint Sulstarova.

Ein großer Hoffnungsträger könnte der MPP-Branche erhalten bleiben: Die Windenergie-Industrie. Sie gilt als politisch opportun und ökologisch notwendig. Und sie sorgt mittlerweile für einen großen Anteil des Ladungsaufkommens.


Michael Meyer