Die schwarze Flagge erfordert politische Entschlossenheit

Während in Deutschland unter der Ägide von Verkehrsminister Schnieder (mal wieder) an der Attraktivität der deutschen Flagge gearbeitet werden soll, taucht tausende Kilometer weiter südöstlich eine andere – freilich in der Praxis nicht wirklich genutzte – »Flagge« wieder in den Köpfen der Seeleute auf.
Die Rede ist von der schwarzen Flagge afrikanischer Piraten. Hatte die internationale Schifffahrt gerade erst ein wenig durchgeatmet, dass die Bedrohung durch die jemenitische Huthi-Miliz im Kielwasser des Gaza-Kriegs schwindet, kehrt nun möglicherweise eine jahrhundertealte Geißel der Schifffahrt zurück.
Sicherheitsbehörden, Militärs und Analysten schlagen bereits Alarm und warnen vor einem Wiederaufflammen der Piraterie im Somali-Becken. Nach einigen Jahren mit vergleichsweise sehr wenigen Angriffen, gibt es nämlich wieder Meldungen über Vorfälle. Wiederholt werden Piraten-Gruppen mit sogenannten Mutterschiffen »auf Verfolgungsjagd« gesichtet. Die »Hellas Aphrodite« wurde vor Eyl nach einem Beschuss geentert. Soldaten der EU-Mission »Atalanta« konnten die Angreifer von Bord vertreiben. Es soll die erste erfolgreiche Enterung im westlichen Indischen Ozean seit 2018 gewesen sein.
Kurz zuvor wurde die »Stolt Sagaland« vor Mogadischu beschossen. Bewaffnete Sicherheitsleute konnte sie vertreiben.
Im Westen des Kontinents wurden vor der Küste Äquatorial-Guineas mehrere Seeleute von einem Tanker gekidnappt. Keiner konnte die Angreifer vertreiben.
Es ist zu hoffen, dass sich die Politik schnell der Sache annimmt (auch in Berlin, lieber Herr Schnieder). Und es ist zu hoffen, dass die alten Strukturen aus der letzten Hochphase der somalischen Piraterie im letzten Jahrzehnt noch funktionsfähig sind. Einheiten der EU-Mission »Atalanta« oder der multinationalen Kooperation »Combined Maritime Forces 151« hatten seinerzeit großen Anteil daran, dass die Piraten zurückgedrängt werden konnten – wenn nicht sogar den alles-entscheidenden Anteil.
Die Situation ist aber eine andere. Wir sehen viele verschiedene Brandherde auf dem Globus, auch zur See: Der Ukraine-Krieg, die äußerst angespannte Lage um Taiwan, der sogenannte Anti-Drogen-Kampf der USA gegen Schmuggler aus Venezuela, Cyber-Angriffe auf Schiffe, die russische Schattenflotte, die Bekämpfung illegaler Migration über See. Selten war der – gefühlte oder reale – Bedarf an Marine-Schiffen so groß wie in diesen Tagen.
Man muss derzeit offenbar Vieles hoffen. Und so ist auch zu hoffen, dass die Regierungen dieser Welt trotz all dieser Probleme den Kampf gegen die Piraterie nicht wieder verschlafen. Es ist jetzt entschlossenes Handeln gefragt, damit sich die Entwicklung nicht verselbstständigt und sich wieder mehr Menschen dazu ermutigt fühlen, unter der gedanklichen schwarzen Flagge ihr Heil in der vermeintlich lukrativen Piraterie suchen.
Als gäbe es nicht schon genug Gefahren für Leib und Leben von Seeleuten, für Handelsgüter und Schiffe. Entschlossenes politisches Handeln ist gefragt.
Michael Meyer
Chefredakteur
HANSA International Maritime Journal

