„Jeder Schadenfall erzählt seine eigene Geschichte“

Aufgewachsen im ländlichen Schleswig-Holstein, zog es Almuth Teegen beruflich nach Hamburg. Dort ließ Almuth Teegen sich zur Schifffahrtskauffrau ausbilden. Nach einem anschließenden Studium arbeitet sie heute beim maritimen Versicherer Skuld.
Wie war Ihr Weg in die maritime Branche?
Almuth Teegen: Im schönen holsteinischen Land, wo Buur an Buur die Ernte einfahren, da wurde ich groß – meerumschlungen in nordischer Gelassenheit. In Hamburg boten sich für mich aber viel mehr Möglichkeiten, meine Neugierde zu stillen. So entschied ich mich vor rund 19 Jahren, Schiffe zu operieren und zu befrachten. Meine Karriere begann bei einem Hamburger Chartering Broker und Shipmanager am Berliner Tor. Mein Chef fuhr Harley, und der Bruder meines Kollegen war Kultfigur in einem Film von Klaus Lemke – das war ein unterhaltsamer Einstieg.
Die Bedeutung der maritimen Wirtschaft für die Globalisierung fand ich von Beginn an faszinierend. Kurz darauf erlebte ich, wie die Finanzkrise 2008 die Branche erschütterte und die globalisierte Welt neue Wege finden musste. Ich erinnere mich noch gut an ein »Hire Statement« mit einer Tagesrate von über 100.000 US-$ im Bulksegment – ein Wert, der sich in kürzester Zeit drastisch reduzierte.
Mit den Erfahrungen aus der Praxis ging ich nach Bremen, um International Studies of Shipping and Chartering (ISSC) mit Schwerpunkt Seehandelsrecht zu studieren. Schon während des Studiums ließ ich keine Gelegenheit aus, an Fachseminaren, Konferenzen und Branchenevents teilzunehmen. Ich begeisterte mich für eine anspruchsvolle Nische: Claims and Insurance
Ihr Job in Kürze – was machen Sie und wo?
Teegen: Ich arbeite als Senior Claims Executive bei Skuld, einem norwegischen, maritimen Versicherer. Ich stellte fest, dass meine pragmatische und kommerziell geprägte Herangehensweise ideal in dieses maritime Geschäft passt.
Die Welt der Schiffsversicherung ist komplex – jeder Schadenfall erzählt seine eigene Geschichte, mal klein, mal groß. Manche sind überschaubar, andere erfordern viel Expertise und Fingerspitzengefühl. Ich habe Situationen erlebt, die zunächst unübersichtlich erschienen, sich aber mit klarer Linie und Teamgeist zu einem guten Ergebnis führten. Für mich ist die Schiffsversicherung nicht nur ein strategisch wichtiges und wirtschaftlich relevantes Feld, sondern auch ein dynamisches Arbeitsumfeld, das kontinuierlich nach Lösungen sucht.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Teegen: Wir wissen nie, wie der Tag beginnt – aber er endet irgendwann mit Feierabend. Wann? Wenn es soweit ist und alle Fallstricke betitelt sind. Koordination, Kooperation, Authentizität, Verantwortung und besonders Flexibilität bestimmen unseren Alltag.
Ich arbeite mit einem breiten Netzwerk von Servicedienstleistern: Juristen, Experten, Kaskoversicherern, Maklern, Bergern, Banken und Ingenieuren. Viele Fäden laufen bei uns zusammen – manchmal entsteht daraus eine kompakte Lösung, manchmal viele kleine.
Mein Team und ich stehen unseren Clubmitgliedern und Versicherten in allen Haftpflicht- und Vertragsfragen – meist aus Charterverträgen oder Konnossementsklauseln – beratend zur Seite. Gelegentlich führen wir auch Bordbesuche durch, die ich für eine effiziente und sensible Abwicklung als unverzichtbar betrachte. Ein großer Teil unseres Alltags betrifft auch Krankheits- oder Unfallsituationen von Crewmitgliedern an Bord.
Was lieben Sie an Ihrem Job am meisten?
Teegen: Die Möglichkeit, eigenverantwortlich zu handeln und zugleich im Team zu agieren. Gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungen zu entwickeln, komplexe Sachverhalte zu kommunizieren und die Position unserer Mitglieder zu vertreten, macht jeden Fall einzigartig. Der Job bietet tiefe Einblicke in lokale Herausforderungen, Interessenkonflikte und unterschiedliche Jurisdiktionen.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die eine Karriere in der maritimen Branche anstreben?
Teegen: Machen. Die Branche arbeitet schnell und lösungsorientiert – nicht zuletzt durch die internationale Zusammenarbeit. Das sorgt für einen lebhaften Arbeitsalltag.
Unterschätzt werden darf dabei nicht die menschliche Komponente. Auch wenn künstliche Intelligenz vieles vereinfacht, bleibt der persönliche Austausch entscheidend. Als Mentorin habe ich gelernt, wie hilfreich es ist, sich neuen Themen schrittweise zu nähern: hinsehen, mitdenken, fragen. Und: Ein wertschätzendes Arbeitsklima entsteht nicht von selbst – jede und jeder kann dazu beitragen. Mein Mantra: Beruf zählt. Familie zählt. Berufliche Entwicklung zählt.
Meine Söhne beispielsweise begeistern sich sehr für die Einsätze der Seenotretter, deren Fördermitglieder sie seit ihrer Geburt sind. Diese Verbindung erinnert mich immer wieder daran, wie wichtig Verantwortung, Präzision und Menschlichkeit in unserer Branche sind.
Warum sind Sie WISTA beigetreten, und was bedeutet Ihnen die Mitgliedschaft?
Teegen: Ich bin seit drei Jahren Mitglied bei WISTA. Unsere regelmäßigen Treffen sind sehr wertvoll, weil sie eine offene Feedbackkultur bieten. Der Austausch mit Gleichgesinnten über Herausforderungen und Führungsfragen hat meine Sicht auf viele Themen nachhaltig geprägt. Diese Begegnungen sind immer inspirierend.
Auch der Besuch beim EWMD – einem branchenübergreifenden Frauennetzwerk – war motivierend. Es war bereichernd, Frauen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern kennenzulernen. Ohne selbst Seglerin zu sein, so in etwa dürfte es sich anfühlen »auf gutem Kurs« zu sein.
Mit fast 40 Jahren und 20 Jahren Berufserfahrung höre ich heute anders hin – offener und neugieriger. Denn ich bin nicht mehr nur Teil der Arbeitswelt, ich gestalte sie aktiv mit. Die Impulse aus WISTA und EWMD haben meine berufliche Perspektive erweitert und gezeigt, wie gut wir Netzwerken und hoffentlich noch weiterwachsen werden. Der Austausch innerhalb von WISTA beeindruckt mich immer wieder – nicht zuletzt durch das breite Themenspektrum unserer Mitglieder.
Welche Themen oder Trends beschäftigen Sie derzeit am meisten?
Teegen: Ich lese täglich maritime Briefings, um informiert zu bleiben. In unserem Geschäftsfeld müssen wir oft auf geopolitische Entwicklungen reagieren und Empfehlungen für unsere Mitglieder aussprechen.
Zuletzt sorgten etwa Meldungen aus den USA für Aufsehen, wonach in China gebaute Schiffe zusätzliche Gebühren für Hafenanläufe zahlen sollen. Inzwischen wurden zwar Ausnahmen und Spezifizierungen eingeführt, doch die Situation bleibt komplex. Cosco etwa steht aktuell vor erheblichen Zusatzkosten durch US-Hafengebühren in Milliardenhöhe – Kosten, die teilweise an Vertragspartner weitergegeben werden dürften.
Auch Konflikte im Nahen Osten, neue Tarife und Routenverlagerungen – etwa die Umschiffung des Roten Meeres – beschäftigen uns. Ebenso die Entwicklungen rund um alternative Kraftstoffe und deren Einfluss auf den operativen Betrieb unserer Mitglieder. Globale Standards und verlässliche Handelsmodelle zu etablieren, wird zunehmend wichtiger. Das betrifft auch Versicherer, die künftig stärker in Diskussionen über Risikobewertung und angepasste Policen einbezogen werden.
Nicht zuletzt sind Besatzungsmitglieder diesen Einflüssen direkt ausgesetzt: verspätete Hafeneinfahrten, längere Einsatzzeiten, Cyberangriffe oder War-Risk-Transits machen den Arbeitsplatz auf See anspruchsvoller denn je. Umso wichtiger ist ein enger, kontinuierlicher Austausch zwischen Land und Schiff.
Interview: Anna Wroblewski

HANSA and WISTA empower women in the maritime industry
Im Rahmen einer exklusiven Partnerschaft mit dem deutschen Verband der Women‘s International Shipping & Trading Association porträtiert die HANSA in regelmäßigen Abständen ein Mitglied vom WISTA Germany e.V.

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