„Das Interesse am deutschen Markt ist zurück“

Christian Finnern ist Head of Germany bei der Kanzlei Watson Farley & Williams. Zum 20-jährigen Jubiläum in Deutschland wirft er einen Blick auf die Entwicklung der maritimen Branche.
Christian Finnern, Partner und Head of Germany bei Watson Farley & Williams
Christian Finnern, Partner und Head of Germany bei Watson Farley & Williams (© WFW)

Aus welchem Grund hat sich WFW damals in Hamburg niedergelassen?

Christian Finnern: Der ausschlaggebende Grund war ganz klar der Beratungsbereich in der Schifffahrt. Watson Farley & Williams wurde im Jahr 1982 in London gegründet und expandierte zunächst nach Griechenland und New York, weil man gesehen hat, dass dort ein klarer Bedarf an der Beratung im Bereich Schiffsfinanzierung bestand. Auch Asien entwickelte sich damals zu einem Wachstumsmarkt. 2005 folgte dann der logische Schritt nach Hamburg. Hier sind traditionell viele schiffsfinanzierende Banken ansässig. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Büros hatten bereits zuvor für deutsche Banken gearbeitet, die Kontakte waren also schon vorhanden. Außerdem war die damalige Marktverfassung günstig – 2005 befand man sich mitten im Boom.

Sie selbst sind seit 2010 dabei. Soweit Sie das beurteilen können: Vor welchen Herausforderungen stand die Kanzlei in den ersten Jahren?

Finnern: Da die Nachfrage aufgrund der damaligen Marktlage sehr hoch war, lag unsere eigentliche Herausforderung darin, auf diese Dynamik schnell genug zu reagieren. Unser heutiges Büro an der Stadthausbrücke, wo wir seit inzwischen acht Jahren sind, ist bereits das fünfte hier in Hamburg, weil wir immer mehr Platz benötigten. Und nicht nur auf der maritimen Seite ging alles rasant: 2006 starteten die ersten Projekte im Bereich Erneuerbare Energien, vor allem Onshore- und Offshore-Wind. Auch das ist heute eines unserer großen Standbeine. Dort stellte sich die Herausforderung, bei umfassender Beratung nicht nur Finanzierer, sondern auch Corporate Lawyer und Steuerberater zu gewinnen.

In den frühen 2000er-Jahren befand sich die deutsche Schifffahrtsbranche noch im Boom. Dann kam die Finanzkrise 2008/2009. Wie sehr hat sie die Arbeit und Entwicklung der Kanzlei Ihrer Einschätzung nach geprägt?

Finnern: Der Bereich Schiffsfinanzierung hat sich durch die Krise deutlich gewandelt. Unsere Beratung verlagerte sich vom klassischen Neugeschäft hin zur Restrukturierung. Auch Reeder versuchten, sich an die veränderten Marktbedingungen anzupassen. Gleichzeitig kam durch Private-Equity-Investoren viel institutionelles Kapital in den Markt, was die Banken zunehmend ablöste. Wir waren gefordert, uns gemeinsam mit dem Markt weiterzuentwickeln. Als ich 2010 dazukam, befand sich die Branche in einer Phase, in der viele Neubauten aus den Jahren 2007 bis 2009 abgeliefert wurden. Sie waren noch für den KG-Markt vorgesehen, doch der war allerdings nicht mehr in der zuvor bekannten Form vorhanden – die Banken mussten sich neu orientieren und herausfinden, wie sie mit der Situation umgehen. Wir haben in dieser Zeit anspruchsvolle Mandate gewinnen können – nicht nur in der Schifffahrt, sondern darüber hinaus auch im Energiebereich.

Welche Mandate aus Ihrer eigenen Anfangszeit in den 2010er-Jahren sind Ihnen in Erinnerung geblieben? Was ist in der jüngeren Zeit passiert?

Finnern: Ich erinnere mich gut an ein Restrukturierungsmandat für eine Bank. Es ging um ein Chapter 11-Verfahren, in dem wir zu den finanzierten Schiffen beraten haben und mit mehreren Standorten weltweit involviert waren. Direkt zu Beginn meiner Tätigkeit gab es mehrere Neubaufinanzierungen, gerade nach dem Ende der Boom-Phase. Ich erinnere mich an viele Nächte im Büro, als wir um drei Uhr morgens das Closing begleitet haben. Ein besonders wichtiges Mandat war die Beratung von Tui Cruises bei der Übernahme von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten. Daran lässt sich gut die Konsolidierung am Markt erkennen, die durch die Gründung von Joint Ventures und M&A-Transaktionen gekennzeichnet waren, insbesondere im Bereich der Bereederung. WFW hat in diesem Umfeld von der Schiffsfinanzierung über Corporate/M&A und letztendlich wieder zu Schiffbauverträgen beraten.

Zu Beginn der Pandemie erlebten wir zwei gescheiterte Schiffsverkäufe: Käufer kamen ihren vertraglichen Pflichten nicht nach, was schließlich in Streitigkeiten endete. Generell wussten viele unserer Mandanten im Jahr 2020 nicht, wohin die Reise gehen würde. Zuvor hatten wir über Jahre hinweg Schiffbauprojekte im Kreuzfahrtbereich gesehen, während in der Handelsschifffahrt nur sehr wenige Neubauten bestellt wurden. Die Verknappung der Lieferketten und Tonnage war deutlich spürbar. Nischen wie die Multipurpose-Schifffahrt waren davon ausgenommen. In diesem Segment kamen aus dem deutschen Markt durchaus einige Bestellungen. Ende 2020 sahen wir dann die ersten Indikationen, dass Mandanten, wieder Neubauten bestellen wollten – und diese Entwicklung haben wir intensiv begleitet. So begann beispielsweise die Reederei MPC mit ersten Bestellungen, und auch die GEFO haben wir zu Neubauprojekten in China beraten.

Welche Rolle spielt das Hamburger Büro heute im internationalen Netzwerk von WFW?

Finnern: Mit unseren 28 Partnerinnen und Partnern in Deutschland, neben Hamburg auch in München, Frankfurt und Düsseldorf, sind wir ein wesentlicher Teil der weltweiten Praxis von Watson Farley & Williams, nach London der zweitgrößte Standort. Und genau das hat uns auch dorthin gebracht, wo wir heute im maritimen Sektor stehen. Weltweit sind rund 200 Anwältinnen und Anwälte ausschließlich in diesem Sektor tätig, und gerade dort kommt es selten vor, dass sich ein Fall nur auf ein Land beschränkt. Es ist ein großer Vorteil, international eng zusammenarbeiten zu können, sei es mit Büros in Singapur, Hong Kong, London, Athen oder New York. In Deutschland selbst sind neben dem maritimen Bereich auch Energie und Infrastruktur besonders wichtig. Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Netzwerk ziehen uns regelmäßig für die Beratung in Rechtsfragen hinzu.

WFW ist im maritimen Bereich gestartet, auch heute ist er noch ein wichtiges Spezialgebiet der Kanzlei. Wie hat sich der Fokus über die Jahre weiterentwickelt?

Finnern:  In der maritimen Wirtschaft fühlen wir uns nach wie vor sehr wohl, dort sind wir Experten – und das wollen wir angesichts aktueller Trends bleiben. Über die Jahre haben sich in unserer Praxis drei Sektoren herausgebildet: Transport, Energie und Infrastruktur, letzteres als Ergebnis der Entwicklung der anderen beiden großen Bereiche. Einige Kolleginnen und Kollegen beschäftigen sich ausschließlich mit Hafeninfrastruktur, andere mit Tunneln, Brücken und Eisenbahnen. Zunehmend kommt auch digitale Infrastruktur hinzu, beispielsweise durch Datenzentren und Glasfaserprojekte. Batteriespeicher liegen thematisch an der Schnittstelle zwischen Energie und Infrastruktur und zählen zu den aktuellen Trendthemen. Die Schnittstellen zwischen den Sektoren werden immer größer. Früher haben wir die Bereiche Maritim und Energie weitgehend unabhängig voneinander behandelt. Doch mit dem zunehmenden Schiffbau für den Energiebereich, sei es zum Beispiel Offshore oder alternative Kraftstoffe, zahlt es sich aus, sektorübergreifend auf Expertise zurückgreifen zu können.

Welche großen Trends und Herausforderungen sehen Sie derzeit in der Schifffahrtsbranche?

Finnern: Neben geopolitischen Herausforderungen steht das Thema Energiewende und Energieversorgung dauerhaft im Vordergrund, und wird uns noch über die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, beschäftigen. Wir haben beispielsweise bei vier LNG-Terminals, die die Bundesregierung initiiert hat, in verschiedensten Konstellationen beraten. Auch Methanol und Wasserstoff gehören zu den Themen, die wir bereits intensiv behandelt haben. All diese Themen beschäftigen uns: Wie kann Energie erzeugt, transportiert, gelagert und verwendet werden?

In der maritimen Wirtschaft spüren wir das primär bei Neubauprojekten. Reedereien entscheiden sich bewusst für moderne Flotten, die aktuellen Umweltstandards entsprechen. Damit kommt man wieder schnell zur Finanzierung. Ich war neulich im Ausland unterwegs und habe mich mit Vertreterinnen und Vertretern von Banken ausgetauscht. Das Interesse am deutschen Markt ist definitiv wieder zurück. Die Akteure sind stark aufgestellt, haben wenig Kredite und kaum Schulden auf ihren Flotten – da bietet es sich natürlich an, neue und umweltfreundliche Schiffe zu bestellen. Für Finanzierer ist dieses Umfeld ausgesprochen spannend.

Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung sind zentrale Themen der Branche – wie beeinflusst das Ihre Beratungspraxis? Sind Ihre Mandanten überhaupt bereit, diesen Weg zu gehen?

Finnern: Die meisten unserer Mandanten sind nicht besonders aufgeregt, was diese Themen angeht. Was FuelEU und EU-ETS betrifft, hören wir oft »Na gut, damit muss ich mich jetzt beschäftigen«. Nach unserer Erfahrung scheint das über technische Manager problemlos zu laufen. Eine Frage, die sich aber häufig stellt, ist die nach der Wahl der Kraftstoffe. Viele unserer Mandanten wählen beispielsweise Methanol als Kraftstoff, während LNG nach wie vor als Brückentechnologie wahrgenommen wird. Einige setzen allerdings auch weiterhin auf konventionellen Antrieb und warten ab, welche Lösung sich durchsetzt. Es gibt eine große Erwartungshaltung gegenüber der IMO und den nationalen Regierungen, aber die meisten haben einen sehr realistischen Blick auf das, was bis 2050 noch getan werden muss.

Was würden Sie sich von der Politik wünschen, um die Transformation der Branche zu ermöglichen? Was müsste auf Bundesebene passieren?

Finnern: Die Schifffahrt ist bereit, sich an die Zukunft anzupassen, Trends mitzugehen und Umweltvorgaben zu erfüllen. Was es dafür braucht, ist Verlässlichkeit: Welcher Antriebsstoff wird sich durchsetzen, welche Rahmenbedingungen schafft die Regierung, um als Standort wettbewerbsfähig zu bleiben? Wir beraten Reeder, Investoren und Finanzierer, denen an langfristiger Sicherheit gelegen ist. Sie wünschen sich, dass sich ihr Engagement lohnt und dass auf politischer Ebene ein klares Commitment gezeigt wird.

Wenn Sie einen Blick auf die nächsten 20 Jahre wagen: Wo sehen Sie WFW in Deutschland – und welche Rolle wird der maritime Sektor dabei spielen?

Finnern: Wir freuen uns zunächst über 20 erfolgreiche Jahre. Mit unserer jetzigen Größe und den vier Standorten sind wir sehr zufrieden, ebenso mit unserem Ansatz als Komplettanbieter in unseren Industriesektoren. Es soll mit einem moderaten, strategischen Wachstum in den Bereichen, in denen wir als Experten wahrgenommen werden, weitergehen – und dazu gehört natürlich die maritime Branche. Für Watson Farley & Williams ist das nach wie vor global der größte Bereich. Zusätzlich wollen wir Energie und Infrastruktur flächendeckend für unsere Praxis ausbauen, daher wird es bei uns immer die genannten drei Sektoren geben: Transport, Energie und Infrastruktur.

Interview: Jannik Westerkamp

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