Bureau Veritas – Windassistenz als Systemaufgabe

BUREAU VERITAS - Windassistenz als Systemaufgabe
© Canopee, Tom Van Oossanen
Windassistenz steht in der Handelsschifffahrt an einem Wendepunkt. Aus einzelnen Pilotprojekten wird zunehmend ein Markt. Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden weltweit 106 Systeme für Neubauten und Retrofit-Projekte bestellt – weit mehr als noch vor wenigen Jahren. Strengere Klimavorgaben, ausgereifte Technologien und wirtschaftliche Anreize treiben die Nachfrage an. 

Dennoch bleibt eine realistische Einordnung wichtig. „Gemessen an einer Handelsflotte von rund 115.000 Seeschiffen besetzt Windassistenz weiterhin eine Nische. Wind ist keine kontinuierliche Energie und steht nicht jederzeit und auf jeder Route im gleichen Maße zur Verfügung“, betont Nico Dettmann, Neubau-Manager bei Bureau Veritas Marine & Offshore. Als ergänzende Antriebsmöglichkeit kann er jedoch einen relevanten Beitrag zur Dekarbonisierung leisten – vorausgesetzt, Wind-System, Schiff und Fahrtgebiet passen zusammen.cr

Das ganze Schiff im Blick

Damit verschiebt sich auch die Diskussion. Anfangs dominierten mögliche Kraftstoffeinsparungen. Heute richtet sich der Blick stärker auf das Schiff als Ganzes. „Windpropulsion ist kein nachträglich montiertes Einzelprodukt, sondern eine integrierte Lösung, die zahlreiche Schiffssysteme und Betriebsabläufe beeinflusst“, sagt Dettmann. Die zusätzlichen Aufbauten beanspruchen Decksflächen, verändern Kräfte und prägen den Alltag an Bord. Die Sicht von der Brücke, Radar, Ladungsumschlag, Kräne und Durchfahrtshöhen gehören ebenso in die Bewertung wie Sicherheit, Energieversorgung und die Ausbildung der Besatzung. Gerade bei Retrofits treffen neue Anlagen auf ein bestehendes, fein austariertes Gefüge. Jede Veränderung kann an anderer Stelle Folgen nach sich ziehen.

Keine Lösung von der Stange

BV-Bootschafter Nico Dettmann
(Business Development Manager NC M&O)

Auch die erwartete Leistung lässt sich nicht pauschal beziffern. Wind, Wetter, Jahreszeit und Route prägen das Ergebnis ebenso wie Geschwindigkeit, Beladung und Betriebsprofil. „Pauschale Aussagen über Kraftstoffeinsparungen sollte man immer mit Vorsicht betrachten“, betont Dettmann. Entscheidend sei nicht der Bestwert aus einer Modellrechnung, sondern der Nutzen unter realen Einsatzbedingungen.

Gute Voraussetzungen für Wind als ergänzenden Antrieb bieten häufig Tanker, Bulk Carrier sowie Container-, Multipurpose-, General-Cargo- und RoRo-Schiffe. Sie fahren oft längere Strecken, folgen konstanten Routen und verfügen in der Regel über geeignete Decksflächen. Erste Projekte zeigen zudem Potenzial im Passagierschiffsegment. Bei knappem Raum, hohen Geschwindigkeiten, häufigen Hafenanläufen oder strengen Anforderungen, etwa an Sicht, Ladebetrieb und Durchfahrtshöhe, stößt die alternative Energiequelle hingegen an ihre Grenzen. 

Frühe Klarheit

Die entscheidenden Weichen werden deshalb bereits in der Konzeptphase gestellt. Je früher Reederei, Werft, Systemanbieter und Klasse zusammenarbeiten, desto größer ist der Gestaltungsspielraum. Dann lassen sich Positionierung, Decksbetrieb, Sicherheitsfragen und Leistungsziele gemeinsam denken, um teure Anpassungen zu einem späteren Zeitpunkt zu vermeiden.

© NEOLINE ARMATEUR S.A.S.

Simulationen und digitale Modelle liefern dafür wichtige Entscheidungsgrundlagen. Sie zeigen, wie sich ein System auf dem jeweiligen Schiff verhält, welches Einsparpotenzial unter bestimmten Bedingungen plausibel ist und wie sich Routen besser auf die verfügbare Windenergie abstimmen lassen. „Simulationen können die Realität jedoch nur annähern“, sagt Dettmann. „Wie wirtschaftlich Windassistenz tatsächlich arbeitet, zeigt sich erst im Betrieb.“

Eine neue Rolle für die Klasse

Die wachsende Komplexität verändert auch die Aufgabe der Klassifikationsgesellschaft. Ihre Rolle beginnt nicht mehr erst mit der Prüfung eines fertigen Entwurfs. Bureau Veritas wird bereits dann zum Partner, wenn Reedereien Optionen vergleichen, Einsatzmöglichkeiten bewerten und die Wirtschaftlichkeit eines Vorhabens bewerten.

Aus der klassischen Zulassungsinstanz entwickelt sich damit ein Begleiter über den gesamten Lebenszyklus eines Windassistenzprojekts – von Machbarkeitsstudien, Risiko- und Leistungsbewertungen über Technologieauswahl, Entwurfsprüfung und Klassenzulassung bis zu Nachweisen und Auswertungen im laufenden Betrieb. Zugleich bringt die Klasse Erkenntnisse aus Forschungsprojekten wie FleetnerFleet in die Weiterentwicklung von Bewertungsmethoden und Standards ein – ein wichtiger Beitrag in einem Markt, dem einheitliche Verfahren noch fehlen.

Windassistenz beginnt somit nicht mit der ersten Seemeile. Ihr Erfolg entscheidet sich lange vorher: durch ein klares Betriebsprofil, realistische Erwartungen und eine Planung, die das Schiff als Einheit versteht. Erst dann kann aus Wind verlässlich Wirkung entstehen.

Mehr über Windpropulsionssysteme und ihr Potenzial für die Schifffahrt erfahren Sie im Whitepaper Wind Propulsion Report von Bureau Veritas.

Bureau Veritas: https://marine-offshore.bureauveritas.com/newsroom/wind-propulsion-report

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