WISTA: Nicht das Geschlecht, die Kompetenz zählt

Nach dem Abitur zog es Simone Schepers auf See. Seitdem hat sie die Faszination für die maritime Branche nicht losgelassen. Auch an Land ist die Offizierin über ihren Job bei Liberian Registry mit dem Meer verbunden.
Seit wann sind Sie mit Schifffahrt verbunden und wie sind Sie dazu gekommen?
Simone Schepers: In die Schifffahrt bin ich eigentlich eher zufällig hineingestolpert. Ich komme aus dem Binnenland und habe keinen familiären Background in dieser Hinsicht, abgesehen von einer großen Reiselust und dem Wunsch, neue Orte kennenzulernen. Kurz vor dem Abitur habe ich dann im Berufsinformationszentrum einen Ordner zum Thema „Nautischer Wachoffizier“ gefunden und war sofort fasziniert. Die Faszination hat sich als dauerhaft herausgestellt, erst an Bord, und später auch in diversen Positionen an Land, seit 14 Jahren jetzt als Local Flag State Representative in Leer für das liberianische Schiffsregister.
Wie sieht Ihr beruflicher Alltag aus?
Schepers: In meiner Position bin ich zum einen Ansprechpartnerin für alle Angelegenheiten, die unsere Kunden in überwiegend operativer Hinsicht an einen Flaggenstaat haben, also Ausnahmegenehmigungen, technische Fragen, Auslegung der Regularien; zum anderen aber auch Schnittstelle zu den jeweiligen Klassifikationsgesellschaften und Hafenstaatskontrolleuren. Ich sorge dafür, dass die Schiffe unter liberianischer Flagge einen hohen Sicherheitsstandard aufweisen und alle Vorschriften erfüllen, während gleichzeitig den Kunden der bestmögliche Service geboten wird. Durch die Einführung neuer Gesetze und immer neuer Regularien gibt es ständig etwas Neues zu lernen und zu erarbeiten, so dass ich sehr flexibel auf neue Anforderungen reagieren muss und der Job nie langweilig wird.
Wie war Ihr Weg zu WISTA?
Schepers: Zu Anfang meines Berufsweges in der Schifffahrt war mir WISTA noch vollkommen unbekannt, was schade ist, denn damals waren Frauen in der Schifffahrt noch viel seltener vertreten als heute. Das änderte sich erst, als sich hier in Leer eine WISTA-Untergruppe bildete und Mitstreiterinnen gesucht wurden. Leider gab es zu Corona-Zeiten sehr wenig Aktivität von WISTA in meiner Gegend, und nach Hamburg schaffe ich es aus familiären Gründen eher selten. Daher bin ich froh, dass es nun eine ostfriesische WISTA-Präsidentin in Deutschland gibt und wir WISTA im Nordwesten Deutschland in nächster Zeit hoffentlich noch ausbauen können.
Wenn Sie nicht arbeiten, was beschäftigt Sie dann?
Schepers: Da ich zwei Kinder im schulpflichtigen Alter habe, bin ich neben dem Beruf natürlich auch viel mit der Organisation unseres Familienalltags beschäftigt. Nach wie vor liebe ich es zu Reisen und jetzt gemeinsam mit meiner Familie die Welt zu entdecken.
Was bedeutet für Sie „Diversität in der Arbeitswelt“?
Schepers: Als Frau in der Schifffahrtsbranche habe ich an Bord erstaunlich wenig Vorbehalte erfahren, von gelegentlichen Ausreißern einmal abgesehen. Sobald sich die neue Crew auf einer Reise zusammengefunden hatte, spielte das Geschlecht keine Rolle mehr. Es zählte nur die Kompetenz.
Ich bin mir aber bewusst, dass ich damit Glück hatte und nicht alle Frauen auf positive Erfahrungen zurückblicken können. Jetzt bei LISCR liegt der Frauenanteil in den deutschen Büros schon seit Beginn meiner Arbeit hier deutlich höher als der Männeranteil, und auch in unseren internationalen Büros sind viele Frauen in allen Bereichen vertreten. Es ist daher ein gutes Gefühl zu wissen, dass es auch in einer männerdominierten Branche wie der Schifffahrt Unternehmen gibt, in der jeder Mensch die gleichen Chancen erhält, unabhängig vom Geschlecht.
Was ist Ihr Beitrag zur Diversität?
Schepers: Als Mutter einer heranwachsenden Tochter empfinde ich es als wichtig, dass Kindern schon klein auf mitgegeben wird, dass Vielfalt eine Bereicherung ist und Menschen aller Varianten ihren Beitrag zur Gesellschaft und zur Wirtschaft leisten.
Ich setze mich daher auch im Alltag immer dafür ein, den Fokus auf die Stärken des Einzelnen legen, unabhängig von Dingen wie Geschlecht oder Nationalität, und werde auch nicht müde, in Gesprächen immer wieder darauf hinzuweisen. Die Mitgliedschaft bei WISTA unterstützt diese Haltung noch, außerdem ist es dabei natürlich wunderbar, sich regelmäßig mit anderen Frauen aus der Branche auszutauschen.
Was könnten Unternehmen in der maritimen Branche noch tun, um mehr Diversität zu erreichen?
Schepers: Das Thema Diversität muss in Unternehmen aktiv gelebt werden, nicht plakativ im Vordergrund bei besonderen Anlässen, sondern routinemäßig in der alltäglichen Arbeit. Dies sollte sich durch das gesamte Unternehmen ziehen, oft hat man den Eindruck, dass auf Assistenzebene noch viele Frauen vertreten sind und es dann in höheren Ebenen immer weniger Frauen werden. Hier wäre eine gleichmäßigere Verteilung wünschenswert. Möglichkeiten wie Homeoffice, flexible Arbeitszeiten o.ä. können dazu beitragen, dass Familien sich besser organisieren können und so jeder individueller den Fähigkeiten und Neigungen entsprechend zum Unternehmenserfolg beitragen kann.
Interview: Anna Wroblewski

Über Simone Schepers
- seit 14 Jahren Local Flag State Representative beim Liberianischen Register
- zuvor als Offizierin weltweit zur See gefahren
- mit einem Reeder verheiratet, Mutter von zwei Kindern
Über Liberian Registry
- Das liberianische Schiffsregister wurde 1948 gegründet
- Liberia ist eine der führenden Flaggenstaaten für Tanker, Containerschiffe sowie LNG- und LPG-Neubauten
- Liberia bietet eine 24/7-Kundenbetreuung über ein weltweites Netzwerk regionaler Büros und Inspektoren – unterstützt durch ein Video-Officer-Konferenzsystem
- Liberia ist auf den White Lists aller wichtigen Port State Control-MOUs gelistet und nimmt am US-amerikanischen QUALSHIP-21-Programm teil

Im Rahmen einer exklusiven Partnerschaft mit dem deutschen Verband der Women‘s International Shipping & Trading Association porträtiert die HANSA in regelmäßigen Abständen ein Mitglied vom WISTA Germany e.V.





