Logistiker kritisieren neuen Elbbrücken-Plan

Hamburg plant nach einem schweren Schiffsunfall eine provisorische Elbbrücke. Bei den Logistikern und Spediteuren kommt der Plan nicht gut an, der er sei „Ausdruck jahrelangen politischen Stillstands“.
Ein Entwurf der neuen Köhbrandbrücke im Hamburger Hafen
„Eine Hommage an die alte Brücke“: So soll die neue Köhlbrandbrücke im Hamburger Hafen aussehen. Vorübergehend soll es aber nun auch eine provisorische Brücke geben (© Hamburger Senat)

Hamburg plant den Bau einer „temporären“ Brücke, um die wichtige Verbindung über die Norderelbe ab Anfang 2028 zu sichern. Nach einem schweren Schiffsunfall im Oktober 2025 ist die Freihafenelbbrücke langfristig nicht nutzbar. Gleichzeitig stehen an der Trasse Neue Elbbrücken dringend notwendige Sanierungsarbeiten an. „Die neue Behelfsbrücke soll für etwa zehn Jahre genutzt werden und ist zusammen mit dem Bau der S6 der zentrale Baustein, um den Verkehr in Hamburg über die Elbe gut abzuwickeln“, teilte der Senat mit.

Kurz nach Bekanntwerden der Pläne ging der Verein Hamburger Spediteure (VHSp) mit einer deutlichen Kritik an die Öffentlichkeit: die aktuelle Diskussion über eine mögliche Entlastungsbrücke am Köhlbrand sei als Ausdruck jahrelangen politischen Stillstands zu verstehen. Statt immer neuer Überlegungen zu Ersatz- und Ausweichlösungen brauche Hamburg endlich den längst überfälligen Neubau der Köhlbrandquerung. „Die eigentliche Nachricht ist nicht, dass über eine Entlastungsbrücke nachgedacht wird. Die eigentliche Nachricht ist, dass nach rund 14 Jahren Diskussion über Tunnel, Brücke, Tunnel und wieder Brücke noch immer keine neue Querung gebaut wird“, sagte VHSp-Vorsitzer Axel Plaß.

Die Köhlbrandbrücke bildet gemeinsam mit dem Elbtunnel das Rückgrat der Verkehrsanbindung des Hamburger Hafens. Statt über Baufortschritte werde heute über mögliche Notfalllösungen für den Fall gesprochen, dass die bestehende Brücke früher als geplant ausfallen könnte. „Das offenbart vor allem eines: die erhebliche Lücke zwischen politischen Ankündigungen und der tatsächlichen Umsetzung zentraler Infrastrukturprojekte. Wenn bei einem für Deutschlands größten Universalhafen derart wichtigen Infrastrukturprojekt inzwischen die Debatte über Provisorien beginnt, ist das kein Zeichen guter Vorsorge, sondern ein Alarmzeichen. Es zeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei der Umsetzung großer Infrastrukturvorhaben inzwischen auseinanderliegen.“

Der Bau der Behelfsbrücke soll zwölf bis 15 Monate dauern. Die Hamburgische Bürgerschaft entscheidet im November über das Projekt, die Umsetzung übernimmt die ReGe Hamburg Projekt-Realisierungsgesellschaft mbH. Die Kosten für die Behelfsbrücke belaufen sich den Plänen zufolge auf rund 134 Mio. €. Die Kosten für die Sanierung und Verstärkung der Neuen Elbbrücke sollen im weiteren Verlauf des Projekts detailliert ermittelt werden. Ein Teil der Finanzierung, 100 Mio. €, erfolgt durch Mittel des Bundes im Rahmen des Länder- und Kommunalinfrastrukturfinanzierungsgesetzes (LuKIFG). Der verbleibende Anteil wird durch städtische Mittel gedeckt.

Der VHSp warnt davor, zusätzliche Kapazitäten in neue Zwischenlösungen zu investieren. Schon die Planung und Genehmigung der eigentlichen Ersatzquerung habe über viele Jahre erhebliche Zeit in Anspruch genommen. Es sei kaum nachvollziehbar, wie parallel dazu kurzfristig eine weitere Großquerung geplant, genehmigt und gebaut werden solle.

Nach Auffassung des VHSp darf sich die Diskussion nicht auf mögliche Notlösungen beschränken. Stattdessen müsse alles darangesetzt werden, den eigentlichen Neubau deutlich schneller zu realisieren. „Hamburg und der Bund müssen für die neue Köhlbrandquerung faktisch Deutschlandtempo ausrufen. Wenn die Politik davon ausgeht, dass die heutige Brücke ihre Belastungsgrenzen erreicht, dann muss dieses Projekt mit höchster Priorität behandelt werden. Alle verfügbaren Planungs-, Genehmigungs- und Baukapazitäten müssen auf dieses Ziel ausgerichtet werden.“

Der VHSp fordert deshalb eine konsequente Prüfung aller rechtlichen, organisatorischen und politischen Möglichkeiten zur Beschleunigung des Projekts. Ziel müsse es sein, die Fertigstellung nicht um Wochen oder Monate vorzuziehen, sondern um viele Jahre: „Die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir mit einem Provisorium Zeit gewinnen. Die entscheidende Frage lautet, wie wir beim Neubau Zeit sparen. Wer heute über Plan B diskutiert, sollte mindestens genauso intensiv darüber sprechen, welche Verfahren vereinfacht, welche Zuständigkeiten gebündelt und welche Ressourcen mobilisiert werden können, um den Neubau deutlich früher fertigzustellen.“

„Wenn Deutschland bei anderen Vorhaben gezeigt hat, dass Planungs- und Genehmigungsprozesse erheblich beschleunigt werden können, dann muss das auch für die wichtigste Hafenquerung des Landes gelten. Der eigentliche Notfall besteht nicht im Zustand der Brücke. Der eigentliche Notfall besteht darin, dass wir uns seit Jahren mit Verfahren beschäftigen, anstatt zu bauen“, so das Statement.

Finanzsenator Andreas Dressel sagte: „Wir zünden den Investitionsbooster jetzt auch für den so wichtigen Brückenschlag über die Elbe. Das Vorhaben mit seiner unmittelbaren Bedeutung für Hamburgs Hafen, Logistik und Wirtschaft sowie Verkehr und Erreichbarkeit passt perfekt zum Anforderungsprofil der uns zur Verfügung stehenden Bundesmittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität des Bundes. Diese Mittel verstärken noch einmal unseren ohnehin enorm starken Investitionshochlauf mit jährlich rund drei Mrd. Euro bis 2030. Gleichzeitig haben wir die Sorge, dass der Bund sich nicht auf eine Reform der Schuldenbremse einigen kann, was aktuell in der entsprechenden Reformkommission verhandelt wird. Sollte es keine verstetigte Investitionsregel für Bund, Länder und Gemeinden geben, wird es ab Anfang der 30er Jahre eine gefährliche Abbruchkante bei den Investitionen im Land geben. Das kann eigentlich niemand wollen.“

Der VHSp verweist auf internationale Infrastrukturprojekte, bei denen Politik und Verwaltung nach kritischen Ereignissen deutlich schneller handeln: „Die Francis Scott Key Bridge in Baltimore stürzte im März 2024 ein. Bereits heute läuft der Wiederaufbau mit dem Ziel einer Fertigstellung bis Ende 2030. In Hamburg diskutieren wir nach 14 Jahren noch immer über Alternativen, Provisorien und Ausweichszenarien. Dieser Vergleich sollte insbesondere Politik und Verwaltung zu denken geben.“ Für die Hamburger Wirtschaft und die Logistikbranche gehe es längst nicht mehr allein um eine Brücke. Auf dem Spiel stünden die Verlässlichkeit des Standorts, Investitionsentscheidungen von Unternehmen und die Wettbewerbsfähigkeit des Hafens im internationalen Vergleich.

Der VHSp fordert deshalb eine politische Kraftanstrengung mit einem klaren Ziel: Alle verfügbaren Ressourcen müssen auf die schnellstmögliche Realisierung der neuen Köhlbrandquerung konzentriert werden. „Hamburg braucht keine Debatte über Plan B. Hamburg braucht endlich die Umsetzung von Plan A. Wer den Hafen stärken will, muss den Neubau mit höchster Priorität vorantreiben und die Verfahren so organisieren, dass aus weiteren Jahren des Diskutierens nicht weitere Jahrzehnte des Wartens werden.“

Nach Ansicht des Hamburger Senats wurde die besondere Dringlichkeit des Gesamtprojekts durch einen Schiffsanprall im Oktober 2025 ausgelöst, bei dem die Freihafenelbbrücke stark beschädigt wurde. Untersuchungen der Hamburg Port Authority (HPA) hatten ergeben, dass der Mittelteil nicht vor Ort repariert werden kann. Aufgrund der nicht mehr bestehenden Verkehrssicherheit der Brücke sind bereits Straße, Fuß- und Radwege, sowie die mittlere Durchfahrt für Schiffe, gesperrt und werden voraussichtlich nicht vor 2038 wieder in Betrieb genommen.

Die Behelfsbrücke wird westlich der Neuen Elbbrücken gebaut und verbindet den Oberhafenkanal, die Norderelbe und den Veddeler Marktplatz. Sie erhält zwei Fahrstreifen sowie einen Rad- und Fußweg. Die Brücke ist modular aufgebaut und soll flexibel an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden können.

Die temporäre Verbindung soll auch dazu beitragen, die Trasse Neue Elbbrücken (B4/B75) zu entlasten, vor allem während der Sanierung und Erneuerung der anliegenden Brücken in den kommenden Jahren. Besonders betroffen sei das Bauwerk Veddeler Brückenstraße. Da die Fahrstreifen entlang dieser Trasse nicht uneingeschränkt nutzbar sein werden, ist mit Verkehrseinschränkungen zu rechnen, so dass die temporäre Brücke zwingend notwendig wird.

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