Ramona Zettelmaier: »Wir alle müssen umdenken und neue Wege gehen«

Ramona Zettelmaier ist seit Juli neue Marine Chief Executive Central Europe bei der Klassifikationsgesellschaft Bureau Veritas. Im HANSA-Interview spricht sie über das Flottenalter, Nachhaltigkeit und mehr.
Ramona Zettelmaier, Chief Marine Executive von Bureau Veritas Marine & Offshore Germany
Ramona Zettelmaier, Chief Marine Executive von Bureau Veritas Marine & Offshore Germany (© Bureau Veritas)

Ramona Zettelmaier ist als Marine Chief Executive Central Europe von Bureau Veritas die neue starke Stimme der französischen Klassifikationsgesellschaft in Deutschland. Bereits seit 13 Jahren ist sie im Unternehmen tätig und beerbt nun ihren Vorgänger Rolf Stiefel. Im HANSA-Interview spricht sie über ihre Ernennung, ihre Pläne, Flotten und Marktanteile sowie ihre Ansichten zu zentralen Themen wie Nachhaltigkeit oder eine neue Definition von Zusammenarbeit.

Sie haben im Juli Ihre neue Position angetreten – wie ist es bislang gelaufen?

Ramona Zettelmaier: Vieles war mir bereits vertraut. Ich habe über Jahre sehr eng mit meinem Vorgänger Rolf Stiefel zusammengearbeitet. Natürlich bringt die neue Rolle auch zusätzliche Verantwortungsbereiche mit sich. Ich bin aber gut vorbereitet und konnte mich auch in neue Themengebiete schnell einarbeiten.

Wie kam es zu Ihrer Ernennung?

Zettelmaier: Ich wurde angesprochen, und nach einer gewissen Bedenkzeit habe ich zugestimmt. Von Anfang an erhielt ich schon sehr viel positiven Zuspruch, sowohl vom Kollegium als auch aus dem Markt, was mich in der Entscheidung sehr bestärkt hat.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Zettelmaier: Ich möchte, dass wir in unserer Region weiterhin stark aufgestellt sind und wir uns einen guten Marktanteil holen. Hier haben wir auch schon gut vorgearbeitet. Dabei geht es mir nicht allein um Zahlen, sondern auch um Know-how, Servicequalität und weitere Zukunftsthemen.

Was wiegt dabei schwerer – Umsatz oder Marktanteil?

Zettelmaier: Beides ist wichtig, aber in unterschiedlichen Dimensionen. Tonnage ist wichtig, um im Markt sichtbar zu sein. Umsatz ist entscheidend für die Wirtschaftlichkeit. Der Erfolg liegt also in der Balance zwischen wirtschaftlicher Stabilität und einer starken Position im Markt.

Sie sagen, Sie wollen den Marktanteil erhöhen. Wie wollen Sie das erreichen?

Zettelmaier: Unser Ziel ist klar: Wir wollen unseren Marktanteil weiter ausbauen. In der Anzahl klassifizierter Schiffe liegen wir in Deutschland bereits auf Platz zwei – das soll gestärkt werden. Dafür wollen wir gezielt neue Potenziale erschließen, auch in Segmenten, die bislang nicht im Fokus standen. Dazu zählen Schiffe, bei denen technisches Know-how und flexible Service-Strukturen gefragt sind.

Die BV-Flotte ist im Durchschnitt etwas älter als der Markt – ist das ein Thema für Sie?

Zettelmaier: Natürlich ist eine junge Flotte immer attraktiv, was man über die Neubauten steuern kann. Nur aufs Alter zu schauen, ist jedoch zu kurz gegriffen. Tatsächlich werden der Wartungszustand, die Performance und die Qualität zur Bewertung herangezogen.

Gibt es Segmente, aus denen sich BV zurückziehen könnte?

Zettelmaier: Nein, wir sind bewusst breit aufgestellt. Neben etablierten Bereichen wie LNG oder Bulker verfügen wir über tiefes Know-how in hochspezialisierten Segmenten.

Zu Ihrem Start sagten Sie, die Branche brauche entschlossenes Handeln. Wie meinen Sie das?

Zettelmaier: Es geht darum, die Zukunft aktiv zu gestalten, Entscheidungen zu treffen und Geschäftsmodelle weiterzudenken und anzupassen. Klar gibt es viele Unsicherheiten, viele Themen sind komplex. Aber es wird nicht die eine Lösung für alles geben. Und die Hoffnung darauf hält uns manchmal zurück. Dabei halte ich es für klug, einfach den ersten Schritt zu machen, um sich selbst und die Branche voranzubringen.

Viele fragen sich dann aber: Warum muss ausgerechnet ich den ersten Schritt machen?

Zettelmaier: Die zentrale Frage ist: Nehme ich das Ruder selbst in die Hand oder übernimmt später jemand anderes? Wir alle müssen umdenken und neue Wege gehen. Gemeinsam mit allen Partnern sind gute Lösungen zu finden – gerade und auch in unsicheren Zeiten.

Zu Ihrer Ernennung hieß es außerdem, dass »neue Impulse« gesetzt werden sollen, um BV als Gestalter der maritimen Industrie zu positionieren. Was könnten solche Impulse sein?

Zettelmaier: Wir dürfen Zusammenarbeit neu definieren. Das zeigt sich nicht nur in der Digitalisierung und in Themen wie der autonomen Schifffahrt, sondern auch in anderen Bereichen. Entscheidend ist, dass alle Akteure zusammenarbeiten: Politik, Behörden, Häfen, Unternehmen etc. Der Ursprung von MARPOL Annex VI legte schon damals das Ziel fest, alle Stakeholder an einen Tisch zu bringen. Daran gilt es heute anzuknüpfen.

Wie muss sich Ihrer Ansicht nach die Klassifikation weiterentwickeln?

Zettelmaier: Die Klasse muss mit den Entwicklungen der Branche wachsen. Wir haben zwei zentrale Aufgaben: eine hoheitliche, bei der es um die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben geht, und zugleich die eines Dienstleisters, den Markt zu unterstützen, die Technologie und sich selbst zu gestalten. Somit agieren wir als Impulsgeber und Wegbereiter zugleich und wollen das auch bleiben.

Was sind für Sie die »Hot Topics«?

Zettelmaier: Nachhaltigkeit gehört nicht nur aufs Papier, sondern ins tägliche Handeln. Das betrifft den Umweltschutz ebenso wie Anforderungen an unsere Kunden oder die Effizienz unserer eigenen Prozesse – an Bord wie an Land. ESG zu etablieren, ist ein kontinuierlicher Prozess und umfasst viele Bereiche. Sehr hoch angesetzt ist bei uns auch das Thema Digitalisierung. Wir alle arbeiten mit Daten, und deren Schutz ist entscheidend. Um den Markt hier noch besser zu bedienen, haben wir jüngst Secura als Experte für Cyber Security in die BV-Gruppe aufgenommen. Das führt mich zum nächsten Hot Topic: Fachkräfte. Denn es geht nicht mehr nur darum, Kunden zu gewinnen, es geht auch darum, Talente zu gewinnen. Das ist eine echte Herausforderung, aber natürlich zentral für Wachstum und Erfolg.

Sind weitere Akquisitionen denkbar?

Zettelmaier: Wir analysieren den Markt sehr aufmerksam. Fachwissen zu spezialisierten Themen lässt sich nicht beliebig im eigenen Haus aufbauen. Dafür braucht es gezielte Verstärkung von außen. Entscheidend ist, dass wir mit den richtigen Kompetenzen wachsen. Schließlich gelingt der Wandel der Schifffahrt gemeinsam: Wir schwimmen alle im gleichen Teich.

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