IG Metall fordert bessere Arbeitsbedingungen im Schiffbau

Laut einer aktuellen Erhebung der IG Metall Küste herrscht auf den norddeutschen Werften reger Betrieb. Viele Betriebe rechnen mit mehr Beschäftigten. Die Gewerkschaft nimmt die Unternehmen bei den Arbeitsbedingungen in die Pflicht.
NVL: Luftaufnahme der Werft in Hamburg-Steinwerder mit mehreren großen Docks, Schiffen im Bau oder in Reparatur sowie Hallen- und Werkstattgebäuden am Ufer
© NVL Group

In den kommenden zwölf Monaten erwarten die befragten Betriebsräte laut IG Metall Küste einen Beschäftigungsaufbau von 1.700 Arbeitsplätzen. Gleichzeitig seien viele Unternehmen für die nächsten Jahre gut ausgelastet. Grundlage dieser Auswertung ist die 36. Schiffbaubefragung der IG Metall, an der 41 Schiffbauunternehmen mit 17.141 Beschäftigten teilgenommen haben. Im Vorjahr war die Beteiligung etwas geringer ausgefallen: 14.754 Stimmen gingen 2025 ein.

„Der Schiffbau hat so gute Perspektiven wie seit Langem nicht mehr“, sagt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „Die Betriebe wollen Personal einstellen, die Auslastung steigt und die Perspektiven für die Beschäftigten sind deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Jetzt kommt es darauf an, ausreichend Fachkräfte zu gewinnen und die Ausbildung weiter auszubauen.“

Die hohe Auslastung der Branche spiegle sich in den Erwartungen für die kommenden Jahre wider. Die Betriebsräte gehen für 2026 von einer durchschnittlichen Auslastung von 90% aus, derselbe Wert wie im Vorjahr. Danach steigt die Kurve weiter an: Für 2027 werden 94% und für 2028 sogar 100% erwartet.

Bereits heute arbeitet etwa die Hälfte der befragten Betriebe mit einer Auslastung von 100% oder mehr. Etwa jeder zweite Betriebsrat rechnet laut IG Metall Küste in den kommenden zwei Jahren mit weiter steigenden Auftragseingängen (Vorjahr: 57%). Kein einziger Betrieb erwartet einen Rückgang der Auftragslage (Vorjahr: 9%). 

Marineschiffbau treibt den Aufschwung

Getragen werde die Entwicklung vor allem vom Marineschiffbau. Mehr als die Hälfte des Branchenumsatzes entfällt inzwischen auf den im militärischen Bereich. Im Durchschnitt gehen 54% der Umsätze auf militärische Aufträge zurück, 43% auf zivile Schiffbauprojekte und 3% auf Offshore-Plattformen. 

 „Der Marineschiffbau sorgt derzeit für Beschäftigung und Investitionen. Gleichzeitig brauchen wir langfristige Perspektiven für den zivilen Schiffbau, für Offshore-Energie und klimafreundliche maritime Technologien. Deutschland darf seine maritime Industrie nicht einseitig ausrichten“, so Friedrich.

Ausbildungsquote steigt wieder

Nach Jahren rückläufiger Ausbildungsquoten zeigt die aktuelle Befragung erstmals wieder eine leichte positive Entwicklung. In den befragten Betrieben liegt die Ausbildungsquote bei 5,9% und damit über dem Vorjahreswert von 5,2%. Rund 900 Auszubildende absolvieren derzeit ihre Ausbildung in den beteiligten Unternehmen. Die Übernahmequote bleibe laut IG Metall Küste mit 94% auf einem hohen Niveau. Zudem erwartet knapp ein Drittel der Betriebe einen weiteren Ausbau der Ausbildungsplätze in den kommenden zwölf Monaten. Keiner der befragte Betriebe rechnet mit einem Rückgang. 

„Das ist ein ermutigendes Signal“, so Friedrich. „Die Unternehmen haben erkannt, dass sie ihren Fachkräftebedarf nur mit eigener Ausbildung decken können. Dennoch ist das Niveau weiterhin ausbaufähig. Angesichts der steigenden Beschäftigung brauchen wir deutlich mehr Ausbildungsplätze und eine stärkere Nachwuchsoffensive.“

Fachkräftegewinnung bleibt eine Herausforderung

Trotz der positiven Entwicklung bleibt der Fachkräftemangel eines der größten Probleme der Branche. Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe (53%) berichtet von Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Zum Vergleich: Im Vorjahr hatten hier noch 73% der Betriebe Sorgen angemeldet.

Gleichzeitig planen die Unternehmen weitere Neueinstellungen: Insgesamt werden bis Mitte 2027 rund 1.700 zusätzliche Arbeitsplätze erwartet, während etwa 350 Beschäftigte altersbedingt in den Ruhestand gehen werden. Der Personalaufbau soll vor allem in den Bereichen Produktion und Engineering erfolgen. Seit September 2025 wurden in den befragten Betrieben bereits 1.125 neue Beschäftigte eingestellt.  

Gute Arbeit als Voraussetzung für Wachstum

Die IG Metall sieht die Arbeitgeber nun in der Pflicht, die Voraussetzungen für weiteres Wachstum zu schaffen. Dazu gehören aus Sicht der Gewerkschaft mehr Ausbildungsplätze, bessere Qualifizierungsangebote und attraktive Arbeitsbedingungen.

Kritisch bewertet die Gewerkschaft, dass trotz des Fachkräftebedarfs weiterhin rund 1.100 Leiharbeitsbeschäftigte in den befragten Betrieben eingesetzt werden. Seit September 2025 wurden lediglich etwa 100 Leiharbeitskräfte übernommen. „Wer dauerhaft Fachkräfte sucht, muss Perspektiven schaffen. Dazu gehören Tarifbindung, gute Arbeitsbedingungen und die Übernahme von Leiharbeitsbeschäftigten in reguläre Beschäftigung“, sagt Friedrich. „Die Werften stehen vor großen Chancen. Jetzt müssen die Unternehmen die Menschen gewinnen und halten, die diesen Aufschwung möglich machen.“

 Die IG Metall Küste stellte zum 36. Mal seit 1991 die Schiffbauumfrage in den fünf norddeutschen Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein vor. In diesem Jahr war zum ersten Mal WMP consult im Auftrag der AgS Bremen mit der Durchführung und Auswertung beauftragt. Befragt wurden die Betriebsräte von 41 Betrieben, die sowohl den militärischen als auch den zivilen Schiffbau repräsentieren. 

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