Seeleute bewerten Arbeitsbedingungen zunehmend kritisch

Der Seafarers Happiness Index ist im zweiten Quartal 2026 von 7,18 auf 6,87 Punkte gesunken. Damit hat sich die im Frühjahr erwartete Erholung nicht eingestellt. Während das erste Quartal noch stark von den unmittelbaren Folgen des Konflikts im Persischen Golf geprägt war, treten nun längerfristige Probleme deutlicher hervor. Dazu gehören eingeschränkte Möglichkeiten zum Landgang, eine hohe Arbeitsbelastung und der Kaufkraftverlust infolge der Inflation. Viele Seeleute rechnen offenbar nicht damit, dass sich diese Bedingungen kurzfristig verbessern.
Landgang erhält niedrigste Bewertung
Am stärksten verschlechterte sich die Bewertung des Landgangs. Der Wert sank von 6,78 auf 5,72 Punkte und lag damit niedriger als in allen anderen untersuchten Kategorien. Als Gründe nannten die Befragten kurze Hafenaufenthalte, umfangreiche Aufgaben während der Liegezeit sowie Einschränkungen durch Einreisebestimmungen und Terminalvorgaben. Selbst wenn ein Verlassen des Schiffs möglich sei, bleibe häufig kaum Zeit zur Erholung.
Auch die Arbeitsbelastung wurde mit 6,20 Punkten kritisch bewertet. Seeleute berichteten von Wachsystemen im Sechs-Stunden-Rhythmus, kurzen Umschlagszeiten, wachsender Dokumentation und häufigen Inspektionen. Zweifel äußerten sie zudem am Umgang mit den vorgeschriebenen Ruhezeiten.
Deutlich zurück ging auch die Bewertung der Aus- und Weiterbildung. Sie sank von 7,52 auf 6,97 Punkte. Nach Angaben der Teilnehmer dienen Schulungen häufig vor allem dem formalen Nachweis. Teilweise müssten sich Besatzungsmitglieder den Umgang mit neuer Technik anhand umfangreicher Unterlagen selbst aneignen – zusätzlich zu ihren regulären Aufgaben..
Internet bleibt wichtiger Faktor für das Wohlbefinden
Vergleichsweise positiv wurde die Internetverbindung an Bord bewertet. Mit 7,46 Punkten gehörte sie weiterhin zu den besser benoteten Bereichen. Kostenlose oder günstige Verbindungen erleichterten den Kontakt zu Familien und könnten das Gefühl der Isolation während langer Einsatzzeiten verringern.
Kritik gab es jedoch an begrenzten Datenvolumen von 1 oder 2 GB, niedrigen Übertragungsgeschwindigkeiten und eingeschränkten Möglichkeiten für Videoanrufe. Ein leistungsfähiger und möglichst unbegrenzter Internetzugang werde von vielen Seeleuten inzwischen als Teil angemessener Lebensbedingungen angesehen.
Die ständige Erreichbarkeit könne allerdings auch zusätzliche Sorgen auslösen. Angehörige an Land verfolgten Wetterereignisse oder geopolitische Entwicklungen teilweise in Echtzeit. Kommunikationssperren in Hochrisikogebieten könnten die Verunsicherung weiter verstärken.
Zusammenarbeit an Bord bleibt wichtig
Den höchsten Wert erreichte mit 7,49 Punkten der Umgang der Besatzungsmitglieder untereinander. Eine gute Zusammenarbeit, respektvolle Kommunikation und gegenseitige Unterstützung seien wesentliche Faktoren für das Wohlbefinden an Bord.
Die Verpflegung wurde mit 7,21 Punkten bewertet. Während einige Teilnehmer die Arbeit der Köche positiv hervorhoben, kritisierten andere günstige Lebensmittel und Budgets, die nicht an die gestiegenen Preise angepasst worden seien.
Gesundheit und Bewegung kamen auf 7,14 Punkte. Positiv erwähnt wurden Fitnessräume und Sportgeräte. Die Bewertung der Löhne sank dagegen leicht auf 6,86 Punkte. Vor allem stagnierende Einkommen und der inflationsbedingte Kaufkraftverlust belasteten die Stimmung.
Ben Bailey, Programmdirektor der Mission to Seafarers, warnte davor, die Widerstandsfähigkeit der Seeleute mit unbegrenzter Belastbarkeit gleichzusetzen. Gefordert würden keine außergewöhnlichen Verbesserungen, sondern verlässliche Ruhezeiten, funktionierende Kommunikation, angemessene Verpflegung und eine Bezahlung, die den Anforderungen des Berufs entspreche.

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