Segeltechnik-CEO: „Schiffseigner können schon heute handeln“

Der Übergang von der konventionell betriebenen zur klimaneutralen Schifffahrt wird ungleichmäßig verlaufen. Außerdem kommen damit verbunden auch hohe Kosten auf Schiffseigner zu: Die Branche benötigt Infrastruktur, Nachrüstungen und Neubauten, um die Weltflotte nachhaltig zu betreiben. Uneinheitliche wirtschaftliche Anreize bremsen den Ausbau dabei noch weiter. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Consulting-Unternehmens EY Greece.
Statt jedoch darauf zu warten, dass alternative Energieträger verfügbar sind, gibt es schon heute Mittel für Schiffseigner, den CO2-Abdruck ihrer Schiffe zu verringern. Laut Bar Technologies, einem in Portsmouth ansässigen Technologieunternehmen, sei es zwar richtig, langfristige Strategien für die Kraftstoffversorgung zu planen. Allerdings konzentriere sich die Debatte zu sehr auf künftige Möglichkeiten, statt auch Technik in Betracht zu ziehen, die schon heute Ergebnisse erzielt. Das Unternehmen ist in der Schifffahrt vor allem für die Entwicklung der „WindWings“-Segel bekannt.
Die EY-Studie nennt Energieeffizienz und betriebliche Maßnahmen als einige der praktikabelsten kurzfristigen Schritte für die Schifffahrt. Bar Technologies argumentiert, dass Windantriebe – die bei Handelsschiffen bereits messbare Einsparungen bei Kraftstoff und Emissionen erzielen – als bewährter Bestandteil dieser unmittelbaren Maßnahmen anerkannt werden müssen.
Dekarbonisierung beginnt nicht erst mit künftigen Kraftstoffen
„Die Schifffahrt muss aufhören, Dekarbonisierung als einen Prozess zu betrachten, der erst beginnt, wenn künftige Kraftstoffe verfügbar sind oder alle Einzelheiten des Net-Zero-Rahmenwerks der IMO geklärt sind“, sagte Bar-CEO John Cooper. „Die Branche darf nicht zulassen, dass das Fehlen absoluter politischer Planungssicherheit als Ausrede für Untätigkeit dient. Bewährte Technologien sind bereits verfügbar, und Schiffseigner können schon heute handeln.“
Dass sogenannte Wind Assisted Propulsion Systems (WAPS) auf einem guten Weg sind, zeigt die Akzeptanz in der Handelsflotte. Nach Angaben der International Windship Association sind inzwischen mehr als 100 Frachtschiffe (mit einer Gesamttragfähigkeit von über 5 Mio. t) für die Nutzung von Windkraft ausgerüstet. Dies entspricht fast der fünffachen Anzahl im Vergleich zum Mai 2022 und sei laut Bar Technologies ein deutlicher Beleg dafür, dass sich die Technologie im kommerziellen Mainstream etabliert. Das Unternehmen selbst wird bis Ende 2026 insgesamt 23 WindWings auf zehn Schiffen installiert haben. Die gemeinsame Einsparung soll täglich 100 t CO2 betragen.
„Im Gegensatz zu alternativen Kraftstoffen erfordert Windkraft weder neue Produktionsanlagen noch Bunkerinfrastruktur oder globale Lieferketten“, so Cooper. „Sie steht als Energiequelle kostenlos zur Verfügung und kann die Abhängigkeit eines Schiffes von dem jeweils genutzten Kraftstoff verringern. Sie müssen nicht erst noch erfunden oder in ihrer Funktionsweise bestätigt werden. Sie sind bereits auf Handelsschiffen im Einsatz und senken deren Kraftstoffverbrauch. Nun gilt es vorrangig, die Hürden zu beseitigen, die Schiffseigner bislang von Investitionen abhalten.“
Bei Windantriebssystemen seien diese Hürden zunehmend wirtschaftlicher und finanzieller Natur, weniger technischer. Bei vielen Charterverträgen finanziert der Schiffseigner die Technologie, während der Charterer durch den geringeren Kraftstoffverbrauch den Großteil des Nutzens zieht. Solange die Vertragsstrukturen keine effektivere Aufteilung von Kosten, Risiken und Einsparungen vorsehen, bleiben Investitions- und langfristiges Leistungsrisiko oft beim Schiffseigner hängen, so die Einschätzung von Bar Technologies.
Auch der Zugang zu Finanzierungsmitteln stelle ein Hindernis dar. Ohne wettbewerbsfähige „grüne“ Kredite oder Mischfinanzierungsmodelle (Blended Finance) müssen Eigner demnach Technologien zur Emissionsminderung womöglich zu herkömmlichen kommerziellen Zinssätzen finanzieren. Dies kann die Amortisationszeit verlänger. Das gilt insbesondere in der Tramp-, Massengut- und Tankerfahrt, wo Routen, Erträge und Charterlaufzeiten weniger vorhersehbar sind.
Die EY-Studie kommt zu dem Schluss, dass das Tempo der Transformation in der Schifffahrt von der Abstimmung der Akteure, der wirtschaftlichen Rentabilität, dem Zugang zu Finanzierungen sowie von Maßnahmen entlang der gesamten maritimen Wertschöpfungskette abhängt.
„Der entscheidende Hebel, um jetzt ins Handeln zu kommen, ist die Wirtschaftlichkeit grüner Investitionen“, schloss Cooper. „Schiffseigner benötigen Finanzierungsmöglichkeiten, die bewährte Technologien zur Emissionsminderung schon heute – und nicht erst irgendwann in der Zukunft – rentabel machen. Wenn es uns gelingt, die Kapitalkosten zu senken und Finanzierungsstrukturen zu schaffen, die sowohl die Kraftstoffeinsparungen als auch den ökologischen Mehrwert dieser Technologien berücksichtigen, werden weitaus mehr Eigner investieren können. Windantriebssysteme haben ihre technische Bewährungsprobe bereits bestanden. Finanzierungen zu tragbaren Konditionen sowie Charterverträge, die die Vorteile fair verteilen – das ist der Schlüssel für einen breiten Einsatz dieser Technologie.“

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