„Polarstern“ durchbricht Schallmauer von 2 Millionen Seemeilen

Die neue „Polarstern“ ist bereits in Arbeit, ihre aktuelle Vorgängerin hat nun eine ihrer letzten Arktis-Reisen absolviert und dabei zwei neue Wegmarken gesetzt: 2 Mio. sm und neun Nordpol-Fahrten.
Polarstern, Gruppenfoto LAMEX 1 - PS156 (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Tim Lyons, Chris Lyons, SlingshotPictures)
Ein Gruppenfoto der „Polarstern“-Expedition „LAMEX 1 – PS156“ (© Alfred-Wegener-Institut / Tim Lyons, Chris Lyons, SlingshotPictures)

Morgen wird der Forschungseisbrecher „Polarstern“ planmäßig von seiner letzten Arktisexpedition dieses Sommers in seinem Heimathafen Bremerhaven zurückerwartet. Die zehnwöchige Expedition PS156 (Lamex 1) führte rund 40 Forscher aus Deutschland, Norwegen, Italien, Argentinien und den USA von Tromsø über Nordostgrönland und die Framstraße bis zum Nordpol und an den Lomonossow-Rücken.

Insgesamt legte das Schiff dabei gute 9.000 sm zurück, um Daten aus der geologischen Vergangenheit zu sammeln, die bessere Projektionen für unsere Zukunft erlauben. Auch schiffsseitig war die Fahrt etwas Besonderes: Am 26. August überschritt die „Polarstern“ die Marke von 2 Mio. sm seit ihrer Indienststellung 1982, und am 4. September erreichte sie zum 9. Mal den Nordpol.

Nach ihrer Rückkehr soll sie den kommenden Monat zu routinemäßigen Wartungs- und Reparaturarbeiten in der Bremerhavener Lloyd Werft verbringen. Mitte November soll planmäßig der Transit Richtung Antarktis beginnen, auf dem Nachwuchsforschende ausgebildet werden. Anschließend wird der Eisbrecher die antarktische Neumayer-Station III versorgen und dann zwei Expeditionen in der Westantarktis durchführen.

Es dürfte eine der letzten Arktis-Expeditionen des über 40 Jahre alten Schiffes gewesen sein. Ein Neubau ist längst geplant: Nach umfangreichen Tests bei der Hamburgischen Versuchsanstalt (HSVA) beginnt die Werft TKMS in Wismar mit den Arbeiten an der neuen „Polarstern“. Die Vorbereitungen dafür sind umfangreich, da eine große Anzahl an verschiedenen Faktoren in den Schiffsentwurf einfließen müssen. Im HANSA Podcast hat Nils Reimer, „Arktis-Chef“ der HSVA die Hintergründe und Details einer solchen Planung und Testphase ausführlich erläutert.

Die neue „Polarstern“ soll das Flaggschiff der deutschen Meeres-, Polar- und Klimaforschung werden. Die Vorbereitungen für den Neubau laufen seit Jahren. Der Eisbrecher soll knapp 160 m lang und 27 m breit werden und Platz für bis zu 60 Forschende sowie 50 Crewmitglieder bieten. Das AWI wird der Eigner des Schiffes, anders als bei der jetzigen „Polarstern“, bei der es der Bund ist. Wie die aktuelle „Polarstern“ wird die Reederei F. Laeisz auch das neue Schiff bereedern. 

Polarstern-Crew misst 2.200 km seismische Profile

Der Lomonossow-Rücken ist ein untermeerisches Gebirge, das sich einmal quer über den gesamten Arktischen Ozean erstreckt. Neben ihm liegt der Meeresboden rund 4.000 m tief; der Rücken selbst ist etwa 3.000 m hoch und reicht damit bis in 1.000 m Wassertiefe hinauf. Über den Abschnitt zwischen dem Nordpol und dem bereits gut untersuchten östlichen Ende des Rückens war bisher nur sehr wenig bekannt.

Hier hat das Wissenschaftsteam an Bord der „Polarstern“ etwa 2.200 km seismische Profile gemessen und damit eine wichtige Lücke in den vorhandenen Daten geschlossen, heißt es seitens des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Mit den nun gewonnenen Daten will man zeigen, wie sich die Sedimentkörper entlang der Flanken des Lomonossow-Rücken unter dem Einfluss der Meeresströmungen in der Erdgeschichte aufgebaut haben.

Reimer, HSVA, Podcast, Arktis, Antarktis, Polarstern
Nils Reimer, „Arktis-Chef“ der Hamburgischen Schiffbauversuchsanstalt (HSVA) zu Gast beim HANSA Podcast (© Westerkamp/HANSA)
Tests für die neue Polarstern (Foto: Alfred-Wegener-Institut / Annika Kropp)
Tests für die neue „Polarstern“ bei der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (© Alfred-Wegener-Institut / Annika Kropp)

„Wir haben jetzt durchgängig seismische Daten etwa vom Nordpol bis fast zum sibirischen Schelf“, sagt Fahrtleiterin und Geophysikerin Catalina Gebhardt. „Damit sind die Profile an die Tiefbohrung angebunden, die im Jahr 2004 in Nordpolnähe abgeteuft wurde und deren Alter wir kennen.

So können wir den seismischen Reflektoren jetzt erstmals Alter zuordnen und diese bis zum sibirischen Schelf verfolgen. Das hilft uns zu verstehen, wann sich in der Vergangenheit Meeresströmungen verändert haben und ob das mit großen tektonischen oder klimatischen Umbrüchen in der Erdgeschichte zusammenfiel.“

Auch die Geologie kehrt mit reicher Ausbeute zurück: Das Team hat ungefähr 108 m Sedimentkerne mit dem Schwerelot gezogen, dazu kommen drei Kastenlote. Letzteres ist ein außergewöhnliches Kerngerät, denn es hat einen Querschnitt von 30 mal 30 cm und bringt ein sehr großes Sedimentvolumen an Deck.

„Somit steht uns umfangreiches Material aus demselben Sedimentkern zur Verfügung, um eine große Bandbreite an Analysen durchzuführen. Dies ermöglicht auch den Einsatz neuer Methoden – von der Analyse kosmogener Nuklide bis hin zur Untersuchung fossiler DNA –, für die das verfügbare Probenmaterial bei anderen Kernen häufig nicht ausreicht“, erklärt Co-Fahrtleiterin und Marine-Geologin Juliane Müller,.

Die Ozeanographie hat mit 106 CTD-Messungen die Ozeanströmungen entlang mehrerer Profile untersucht, meist quer über den Lomonossow-Rücken. Der Rücken ist ein großes geografisches Hindernis im Arktischen Ozean und lenkt damit die Wasserzirkulation. Die Forscher wollten wissen, wie die heutige Strömung entlang des Rückens und quer zu ihm verläuft – und ob es an Stellen, an denen der Rücken tiefer eingeschnitten ist, einen Austausch der Wassermassen zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil der Arktis gibt.

Bereits zu Beginn der Expedition Mitte August hat das Expeditionsteam in der Framstraße vier Ozeanboden-Seismometer geborgen sowie vor Nordostgrönland Landstationen am 79°N-Gletscher abgebaut und gewartet. Diese messen mit hochpräzisen GPS-Sensoren, wie sich die größte Insel der Welt mit abnehmender Eisbedeckung verhält. Mit dem Verlust riesiger Gletschereismassen lastet weniger Druck auf Grönland, was dazu führt, dass sich die Insel hebt, was die Forschenden mit ihren neuen Daten nachweisen konnten.

Einige der Landstationen messen auch Erdbeben – und gleichzeitig horchen sie auf Beben, die durch Eis entstehen, beispielsweise wenn die Gletscher über den rauhen grönländischen Untergrund rutschen. Vor Flade Isblink, einer Eiskappe ganz im Nordosten Grönlands, konnten zwei Verankerungen geborgen werden. Das Meereis im Nordosten Grönlands war im Sommer 2026 ungewöhnlich dicht und verhinderte weitere Arbeiten in der Region.

Die Proben und Daten werden nun in den Laboren am AWI und bei den Partnerinstituten ausgewertet. Sie sollen zeigen, wie sich Meeresströmungen und Meereis in früheren Warmzeiten verändert haben – und wie schnell. Das ist auch für Europa wichtig: In der Arktis entsteht das kalte, salzige Wasser, das im Nordatlantik absinkt und die Ozeanzirkulation antreibt, der Europa seine milden Winter verdankt.

Bleiben Sie mit WhatsApp immer auf dem Laufenden!

Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal und erhalten Sie eine Auswahl unseres umfangreichen Nachrichten-Angebots direkt auf Ihr Smartphone. Scannen Sie einfach den QR-Code mit Ihrem Handy oder klicken Sie – falls Sie bereits mobil unterwegs sind – auf diesen Link.
Verwandte Themen
Weitere Themen
Daily & Breaking News

Wir liefern werktäglich aktuelle Schlagzeilen und Updates.