Strom im Hafen: „Energy Sharing muss vom Gesetz in die Praxis kommen“

Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) sieht großes Potenzial darin, lokal erzeugten erneuerbaren Strom über sogenanntes „Energy Sharing“ effizienter zu nutzen. In einem heute veröffentlichten Statement folgt jedoch ein „aber“: Damit dieses Potenzial auch in der Praxis angewendet werden kann, brauche es jedoch bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. „Die gemeinsame Nutzung von lokal erzeugtem erneuerbaren Strom über die öffentlichen Stromnetze, ist inzwischen gesetzlich möglich. Ein ausreichender wirtschaftlicher Anreiz fehlt bislang jedoch: Auch bei einem räumlich begrenzten Stromaustausch fallen grundsätzlich die regulären Netzentgelte, Steuern und Umlagen an“, so der Branchenverband.
Aus Sicht der deutschen Seehafenwirtschaft wird damit ein erhebliches Potenzial für eine effizientere Nutzung lokal erzeugter erneuerbarer Energie bislang nicht ausgeschöpft. Gerade Hafen- und Industrieareale böten besonders gute Voraussetzungen für Energy Sharing: Große Stromverbraucher wie Terminals, Ladeinfrastruktur, Landstromanlagen, Kühlcontainer und Umschlagsgeräte treffen hier auf Potenziale für Wind- und Solarenergie auf engem Raum.
„Mit dem neuen gesetzlichen Rahmen ist die Grundlage geschaffen. Jetzt muss daraus ein Instrument werden, das auch wirtschaftlich funktioniert. Entscheidend ist für uns nicht eine pauschale Privilegierung von Energy Sharing, sondern eine kostenreflektive Regulierung: Wenn Strom lokal erzeugt und verbraucht wird und dabei vorgelagerte Netzebenen nachweislich weniger beansprucht werden, sollte sich das auch in den Netzentgelten widerspiegeln. Mit der Neuordnung der Netzentgelte im AgNes-Prozess besteht jetzt die Chance, dafür die richtigen regulatorischen Weichen zu stellen“, sagt Reiner Brüning, Energiereferent beim ZDS.
Der ZDS hat daher einige Forderungen formuliert:
- Kostenreflektive Netzentgelte für Energy Sharing: Im laufenden AgNes-Prozess beziehungsweise in einer konkretisierenden Folgefestlegung sollte eine wirtschaftliche Option für lokales und regionales Energy Sharing geschaffen werden.
- Tatsächliche Netznutzung berücksichtigen: Werden bei lokalen Stromflüssen vorgelagerte Netzebenen weniger oder gar nicht beansprucht, „muss sich dies angemessen in der Netzentgeltbildung widerspiegeln.“
- Häfen und Industriecluster als Piloträume nutzen: Anhand realer Messdaten sollte untersucht werden, welchen Beitrag Energy Sharing zur besseren Netzauslastung, zur Reduzierung von Lastspitzen und zur Begrenzung des Netzausbaubedarfs leisten kann.
- Teilnahme größerer Unternehmen ermöglichen: Die bestehende Begrenzung der Teilnahme von Unternehmen am Energy Sharing auf kleine und mittlere Unternehmen sollte nach Ansicht des ZDS überprüft werden, damit auch größere Terminal-, Logistik- und Industrieunternehmen in geeigneten Modellen teilnehmen können.
Welches Potenzial in einer stärkeren lokalen Abstimmung von Stromerzeugung und -verbrauch liegt, zeige das Beispiel Bremerhaven, heißt es weiter. Der landeseigene Hafenbetreiber Bremenports hat dort mithilfe eines digitalen Zwillings untersucht, wie ein weitgehend elektrifiziertes Energiesystem mit einem hohen Anteil lokal erzeugter erneuerbarer Energie ausgestaltet werden könnte. Die Analysen zeigen demnach, dass die Klimaneutralität des Standorts bis 2035 grundsätzlich erreichbar ist.
„Wir sehen in Bremerhaven sehr konkret, wie wichtig es ist, Erzeugung und Verbrauch nicht nur innerhalb einzelner Unternehmen, sondern für den Hafenstandort insgesamt zu betrachten. Der Digitale Zwilling ermöglicht uns, reale Lasten, Erzeugungspotenziale und künftige Energiebedarfe zusammenzuführen. Energy Sharing kann dazu beitragen, lokal erzeugten erneuerbaren Strom dort zu nutzen, wo er gerade gebraucht wird, und damit Elektrifizierung wirtschaftlicher zu machen. Bremerhaven kann hier als Reallabor dienen und Erkenntnisse liefern, die auch auf andere deutsche Hafen- und Industriestandorte übertragbar sind“, sagt Robert Howe, Geschäftsführer von Bremenports und Mitglied im ZDS.
Andere europäische Staaten würden bereits zeigen, dass eine stärkere Differenzierung der Netzentgelte grundsätzlich möglich ist. Entscheidend ist aus Sicht des ZDS, dass ein deutsches Modell kostenorientiert, technologieoffen und an der tatsächlichen Netznutzung ausgerichtet wird.
Ein praxistauglich ausgestaltetes Energy Sharing könne so mehrere Ziele miteinander verbinden: die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Standorte stärken, die Elektrifizierung vorantreiben, erneuerbare Energien besser vor Ort nutzen und gleichzeitig vorhandene Netzinfrastruktur effizienter einsetzen.

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