„Zwei Drittel der Offshore-Wind-Jobs gefährdet“

Die jetzt vorgestellte Studie zeigt Auswirkungen einer anhaltenden Projekt- und Auftragslücke für die deutsche Offshore-Windbranche. Die Ergebnisse zeigen demnach „konkreten Änderungsbedarf“ im parlamentarischen Verfahren zur WindSeeG-Novelle. Entscheidend sei ein Auktionsdesign, das die Realisierungswahrscheinlichkeit erhöht und eine verlässlichere Projekt- und Auftragspipeline ermöglicht.
Die Ergänzung der Studie „Wertschöpfung der Offshore-Windenergie in Deutschland“ vergleicht die gesetzlich festgelegten 70 GW Offshore-Windleistung bis 2045 mit einem Krisenszenario, wie es sich aktuell abzeichnet. Das Szenario zeigt auf, was passiert, wenn Offshore-Windprojekte scheitern und die Projektpipeline an Kontinuität verliert.
Heute sichert die Offshore-Windindustrie in Deutschland rund 31.530 Vollzeitstellen –sogenannte Vollzeitäquivalente (VZÄ), entsprechend etwa 49.000 Arbeitsverhältnisse. Im Szenario „Wertschöpfungskrise“ verliert die Branche rund zwei Drittel aller heutigen Beschäftigten. Die Zahl der Vollzeitäquivalente sinkt bis 2045 auf nur noch 9.000. Ein verlässlicher Ausbau entlang des gesetzlichen Ziels von 70 GW bis 2045 eröffnet dagegen die Chance auf rund 90.000 zusätzliche Vollzeitstellen.
„Die Folgen treffen Zulieferer, Produktionsstandorte und mittelständische Unternehmen weit über die Küstenregionen hinaus. Einmal verlorene Produktionskapazitäten, Fachkräfte und Know-how stehen für einen späteren Ausbau nicht ohne Weiteres wieder zur Verfügung“, heißt es in einem Statement des Branchenverbands BWO als Reaktion auf die Studie.
Die Offshore-Windbranche erzielte 2025 einen Jahresumsatz von rund 14,6 Mrd. €, einschließlich Exporten. Die Studie zeigt, dass dieser auf rund 20 Milliarden Euro im Jahr 2030 und 57 Milliarden Euro im Jahr 2045 steigen kann. Im Krisenszenario fällt der Umsatz dagegen bis 2030 auf rund 8 Milliarden Euro und bis 2045 auf nur noch etwa 4 Milliarden Euro pro Jahr.
Damit würden bereits 2030 rund 12 Milliarden Euro Jahresumsatz gegenüber dem Referenzszenario fehlen. Bis 2045 wächst die jährliche Lücke auf bis zu 53 Milliarden Euro. Kumuliert beziffern die Studienautoren den Umsatzausfall bis 2030 auf knapp 35 Milliarden Euro und bis 2045 auf mehr als 550 Milliarden Euro. Eine schwache Projektpipeline gefährdet damit nicht nur einzelne Aufträge, sondern die industrielle Basis der Branche.
Deutschland will bis 2045 Netto-Treibhausgasneutralität erreichen. Die im WindSeeG festgelegten 70 GW Offshore-Windleistung sind eine tragende Säule für das Erreichen der Klimaziele und die sichere Energieversorgung Deutschlands. Kommt es zu einem industriellen Fadenriss, werden dagegen nur 34 GW im Jahr 2045 erreicht. Die Differenz von 36 GW Strom fehlt somit im System, um Verkehr, Wärme und Industrie zu elektrifizieren und Emissionen zu senken.
„Die ausgebliebenen Gebote bei den Ausschreibungen 2025 waren ein deutliches Warnsignal. Ein Zuschlag allein schafft noch keinen Auftrag. Entscheidend ist, dass Projekte tatsächlich realisiert werden und die Industrie verlässlich planen kann“, sagt Stefan Thimm, Geschäftsführer des BWO. „Die WindSeeG-Novelle muss deshalb die Investitionsbedingungen verbessern, Kostenrisiken begrenzen und gefährdete Projekte schnell zurück in den Ausschreibungskreislauf bringen. Nur so lassen sich Auftragslücken vermeiden und Arbeitsplätze sowie Wertschöpfung in Deutschland sichern.“
Der BWO fordert, die WindSeeG-Novelle im parlamentarischen Verfahren gezielt nachzubessern:
- Direkte Absicherung durch zweiseitige Contracts for Difference (CfD): „Projekte sollen von Beginn an über zweiseitige CfDs abgesichert werden. Das erhöht die Realisierungswahrscheinlichkeit und reduziert langfristige Strompreis- und Vermarktungsrisiken“.
- Wirksame Indexierung: Kostenveränderungen zwischen Zuschlag und Investitionsentscheidung müssen berücksichtigt werden. „Das reduziert Risikoaufschläge und verbessert die Finanzierbarkeit. Das Kostensenkungspotenzial liegt laut einer BWO-Studie bei rund 440 Millionen Euro pro Gigawatt.“
- Geordnete Rückgabeoption für Zuschläge aus den Jahren 2023 bis 2025: Wirtschaftlich gefährdete Projekte sollen ihre Flächen einmalig zurückgeben können. „So lässt sich frühzeitig Klarheit schaffen und Flächen unter tragfähigeren Bedingungen schnell neu ausschreiben. Pro fehlendem Gigawatt Offshore-Windenregie stehen rund 3,5 Milliarden Euro Auftragsvolumen auf dem Spiel.“
Die Novelle biete die Chance, aus Zuschlägen wieder realisierbare Projekte zu machen. Damit können Aufträge entlang der Lieferkette gesichert, die industrielle Wertschöpfung gestärkt und die wachsende Abhängigkeit von Importen begrenzt werden.

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