DAV Bremen: Logistikwirtschaft konkretisiert Pläne für Neustart

Die Zukunft der renommierten Deutschen Außenhandels- und Verkehrs-Akademie (DAV) in Bremen nimmt konkretere Formen an. Bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend am Standort der Akademie stellten Vertreter der DAV und der Logistikwirtschaft ihre Pläne für einen möglichen Neustart vor. Zahlreiche Unternehmen waren der Einladung gefolgt, um sich über das künftige Bildungsangebot und Möglichkeiten einer Beteiligung zu informieren. Entscheidend wird nun sein, ob genügend Unternehmen und Studenten das Konzept unterstützen.
Hinter der Initiative stehen der Verein der Förderer und Absolventen der DAV (VFA), der Verein Bremer Spediteure, die Bremische Hafen- und Logistikvertretung (BHV) sowie die Handelskammer Bremen. Bereits am 17. August, nur eine Woche nach Bekanntwerden der Schließungspläne, kamen die Beteiligten erstmals zusammen. Seitdem tauschen sie sich im zweiwöchentlichen Rhythmus über eine mögliche Fortführung der Akademie aus.

Die SRH University hatte im August angekündigt, ihren Hochschulbetrieb an mehreren Standorten in Deutschland einzustellen. Neben Bremen sind unter anderem Hamburg, Köln und München betroffen. Als Gründe nannte die Hochschule wirtschaftliche Herausforderungen und veränderte Rahmenbedingungen im Hochschulmarkt. Die derzeit eingeschriebenen Studenten der DAV sollen ihre Ausbildung bis spätestens 2029 regulär abschließen können. Neue Bewerbungen über die SRH sind bereits nicht mehr möglich.
Breite Unterstützung aus der Logistik-und Hafenwirtschaft
Bei der Veranstaltung wurde deutlich, welche Bedeutung die Akademie für die regionale und überregionale Logistikwirtschaft hat. Die 1960 gegründete DAV hat nach Angaben der Initiatoren mehr als 6.000 Absolventen hervorgebracht und gilt seit Jahrzehnten als Ausbildungsstätte für Fach- und Führungskräfte der Speditions-, Logistik- und Außenhandelsbranche.
Ulrich Hautau von der Handelskammer Bremen bezeichnete die angekündigte Schließung in seiner Begrüßung als überraschend und schockierend. Die DAV habe sich über Jahrzehnte zu einer Kaderschmiede für Fach- und Führungskräfte entwickelt und genieße bundesweit einen guten Ruf. Aus Sicht der Handelskammer sei es deshalb kaum vorstellbar, dass die traditionsreiche Akademie vollständig aus der deutschen Bildungslandschaft verschwinde.
Claas Röttger, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Bremer Spediteure und Niederlassungsleiter von Kühne+Nagel in Bremen
„Eine starke und zukunftsgerichtete DAV ist sowohl für unsere Mitgliedsunternehmen als auch für das Land Bremen und darüber hinaus von großer Bedeutung. Wir freuen uns, Teil dieser Initiative zu sein und die Fortführung aktiv mitzugestalten.“
Auch Eduard Dubbers-Albrecht, Sprecher des Präsidiums der BHV, sieht die Akademie als wichtigen Bestandteil des Logistikstandorts: „Die DAV war und ist eine maßgebliche Säule der logistischen und speditionellen Aus- und Weiterbildung. Der direkte Praxisbezug ist die große Stärke der DAV und macht sie einzigartig.“
Nach Angaben der Initiatoren hat die Rettungsinitiative bereits zahlreiche positive Rückmeldungen erhalten. Ehemalige Absolventen aus ganz Deutschland und dem Ausland hätten ihre Unterstützung signalisiert.
Rückkehr zu den Wurzeln mit neuem Studienangebot
DAV-Studienleiter Thomas Fink stellte das Konzept für die künftige Ausrichtung vor. Im Mittelpunkt steht eine stärkere Rückbesinnung auf die ursprünglichen Stärken der Akademie: praxisorientierte Ausbildung, enge Zusammenarbeit mit Unternehmen und die Vermittlung von Wissen durch erfahrene Fach- und Führungskräfte aus der Wirtschaft.
Die Integration in die SRH-Hochschulgruppe habe in den vergangenen Jahren Veränderungen mit sich gebracht. Studiengänge mussten an die Anforderungen der Hochschule angepasst werden. Dadurch sei ein Teil der bisherigen Eigenständigkeit und Markenidentität der DAV weniger sichtbar geworden.
Künftig sollen die bisherigen Angebote im Wesentlichen erhalten bleiben. Dazu gehören das zweijährige Vollzeitstudium nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung sowie berufsbegleitende Studiengänge mit Lehrveranstaltungen am Abend und an Samstagen.
Neu hinzukommen soll ein duales Studium. Ein entsprechendes Konzept sei bereits entwickelt worden, konnte unter der bisherigen Trägerschaft jedoch nicht im gewünschten Umfang umgesetzt werden. Darüber hinaus werden zusätzliche Weiterbildungsangebote, beispielsweise für Quereinsteiger in die Logistikbranche, erwogen.
Ein wichtiger Bestandteil soll die stärkere Beteiligung der Unternehmen an der Lehre sein. Externe Dozenten aus der Praxis könnten wieder intensiver eingebunden werden. Auch Wahl- und Schwerpunktmodule, die gemeinsam mit Unternehmen entwickelt werden, sind vorgesehen.
„Es ist ein Unterschied, ob ich einen Prozess abarbeiten kann oder ob ich Spedition kann“, zitierte Fink die Aussage eines Unternehmers. Dieser Anspruch solle die künftige Ausbildung prägen. Absolventen müssten nicht nur einzelne Abläufe beherrschen, sondern logistische Zusammenhänge verstehen und eigenständig Lösungen entwickeln können.
Kooperation mit Liverpool soll Bachelor sichern
Für die akademische Ausbildung zeichnet sich ebenfalls eine mögliche Lösung ab. Nach Angaben von Fink hat die Liverpool John Moores University Interesse signalisiert, ihre frühere Zusammenarbeit mit der DAV wieder aufzunehmen.
Damit könnte die Akademie auch ohne die SRH einen Bachelor of Science anbieten. Die britische Hochschule war bereits in der Vergangenheit Kooperationspartner der DAV.
Vorgesehen ist zudem die Fortführung eines Doppelabschlusses. Neben dem Bachelor sollen Studenten einen weiteren staatlich anerkannten Abschluss erwerben können, der den Zugang zum Aufstiegs-BAföG ermöglicht. Dadurch könnten sowohl Studiengebühren als auch beim Vollzeitstudium unter bestimmten Voraussetzungen Lebenshaltungskosten gefördert werden.
Die Finanzierungsmöglichkeiten seien insbesondere für junge Menschen relevant, die nach ihrer Ausbildung für ein Vollzeitstudium nach Bremen wechseln möchten.
Wirtschaftlichkeit hängt von Studentenzahlen ab
Ob die DAV tatsächlich neu starten kann, hängt maßgeblich von der Nachfrage ab. Bei der Veranstaltung wurde eine Größenordnung von rund 60 Neueinschreibungen pro Jahr als mögliche Voraussetzung für einen wirtschaftlich tragfähigen Betrieb angesprochen.
Für das Vollzeitstudium rechnen die Initiatoren mit etwa 14 Studenten, für das geplante duale Studium mit rund 18 Teilnehmern. Hinzu kämen die berufsbegleitenden Studienangebote.
Die Vertreter der Initiative betonten, dass die Unternehmen dabei eine entscheidende Rolle spielen. Sie müssten bereit sein, Mitarbeiter zur Weiterbildung zu entsenden und sich aktiv an der Ausbildung zu beteiligen. Zugleich müsse die Kostenstruktur flexibel an die tatsächliche Nachfrage angepasst werden.
Ein erstes konkretes Signal aus der Wirtschaft gibt es bereits: Der Logistikdienstleister Kühne+Nagel hat nach Angaben der Initiatoren zugesagt, mindestens drei Studienplätze an der neu aufgestellten DAV zu unterstützen. Damit gehört das Unternehmen zu den ersten, die ihre Bereitschaft zur Beteiligung an dem geplanten Neustart konkretisiert haben.
Marc Guse, Vorsitzender des VFA, zeigte sich angesichts der bisherigen Resonanz zuversichtlich: „Ich bin beeindruckt von dem Zusammenhalt und dem Zuspruch, den wir in den letzten Wochen erfahren haben. Es gibt eine reale Chance, die DAV wieder erfolgreich als Bildungspartner für die deutsche Transport- und Außenhandelswirtschaft zu etablieren, wenn jetzt alle am Ball bleiben.“
Entscheidung bis Ende Dezember
Die nächsten Wochen sind für die Zukunft der DAV entscheidend. Bis Ende Dezember wollen die Initiatoren eine belastbare Einschätzung erhalten, wie viele Unternehmen das neue Konzept unterstützen und mit welchen Studentenzahlen gerechnet werden kann.
Anschließend sollen weitere Gespräche mit der SRH geführt und die organisatorischen Voraussetzungen für eine mögliche Neugründung geklärt werden. Die bisherige Trägerin habe sich gegenüber den Bemühungen grundsätzlich gesprächsbereit gezeigt, hieß es bei der Veranstaltung.
Bei ausreichender Nachfrage könnte die konkrete Umsetzung im Februar 2027 beginnen. Bis Juni soll nach Möglichkeit die Validierung beziehungsweise Akkreditierung der Studienangebote mit der Liverpool John Moores University abgeschlossen sein.
Thomas Fink – DAV-Studienleiter
„Der Plan wäre, im Oktober mit den Studienangeboten wieder durchzustarten.“
Fink bezeichnete den Zeitplan als ambitioniert. Für entsprechende Verfahren müsse normalerweise mit fünf bis neun Monaten gerechnet werden.
Als Ziel für den Neustart wurde Oktober 2027 genannt. Damit könnte die DAV bereits wieder neue Studenten aufnehmen, während die bisher eingeschriebenen Jahrgänge ihre Ausbildung unter dem Dach der SRH noch abschließen.
Ob der Neustart gelingt, hängt nun vor allem davon ab, ob aus der breiten Unterstützung der Branche auch ausreichend konkrete Zusagen für Studienplätze und eine langfristige Zusammenarbeit entstehen.
Bis zum Jahresende sind weitere Informations- und Gesprächstermine vorgesehen. Interessierte Unternehmen und potenzielle Studenten können sich dafür beim VFA unter [email protected] anmelden.
Ulrich Hautau – Handelskammer Bremen
„Aus Sicht der Handelskammer ist es unvorstellbar, dass die DAV aus der Bildungslandschaft in Deutschland komplett verschwinden soll“

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