VW stößt Everllence-Mehrheit ab – Was ist Schlüsseltechnologie?

Das klingt erst einmal nicht sonderlich hilfreich. Die Frage ist: Was folgt daraus? Die Bundesregierung arbeitet mit dem Begriff. Was sie darunter für die Praxis konkret versteht, ist aber nicht so klar.
Das hier soll aber natürlich keine Sprachkunde werden, sondern die Aufmerksamkeit auf ein industriepolitisch relevantes Projekt lenken: Der Volkswagen-Konzern stößt 51 % am ehemals als MAN bekannten Motorenbauer Everllence aus ökonomischen Gründen ab – seines Zeichens einer der wichtigsten Lieferanten für die Schifffahrt. Der US-Finanzinvestor Bain Capital hat den Verkaufspoker gewonnen. Auch an anderen hiesigen maritimen Spezialisten gibt es immer wieder Interesse – sowohl aus dem nahen wie auch aus dem fernen Ausland. Oft gilt Ähnliches: Passt eine solche Eigentümerstruktur ins aktuelle Bild, selbst wenn VW 49 % und so ein gewisses Mitspracherecht über die Everllence-Zukunft behält?
Ob die VW-Ankündigung, diesen Anteil behalten zu wollen in der nächsten konzernweiten Neuausrichtung Bestand hat? Ob Bain Capital ein »guter« Eigner ist? Das wird sich alles erst noch zeigen müssen. Was sich aber bereits gezeigt hat: Die Industriepolitik – Stichwort Schlüsseltechnologie – ist noch immer eine verhältnismäßig offene Flanke der Bundesregierung.
Der Staat hat vor einigen Jahren den Marine-Schiffbau als Schlüsseltechnologie eingestuft, die es politisch zu schützen gilt. Seinerzeit stellte die Industrie fest, dass dadurch viele Zulieferer mitgemeint sein dürften, die sowohl im Marine- als auch im zivilen Handelsschiffbau aktiv sind. Man erinnere sich: Aus der Politik war darauf kein großes Dementi zu hören.
Heute sieht die Welt noch einmal ganz anders aus. Seit Monaten bekommen wir zu hören, dass auch die zivile Handelsschifffahrt eine enorme Bedeutung für die Resilienz und im Notfall für die Verteidigungsfähigkeit des Landes hat.
Schlüsselindustrien in der Hand von Private Equity? Sicher, Investitionen könnten erleichtert werden, wenn der Zugang zu Kapital besser ist. Aber dennoch …
Rendite-Erwartungen und Exit-Orientierungen von Finanzinvestoren erscheinen nicht als eine besonders geeignete Option für die Zukunft von Everllence. Kaum vorhersehbar wären die Folgen eines möglichen Weiterverkaufs an wen auch immer in einigen Jahren – denn das machen Finanzinvestoren so, es ist Teil ihrer ökonomischen DNA.
Es bleibt zu hoffen, dass die Sorge unseres Kollegen Hans-Uwe Mergener unbegründet bleibt, der auf www.hansa-online.de im Zuge der Everllence-Entwicklungen davon sprach, dass sich ein »vertrautes Muster« wiederholen und sich die Einstufung von Marineschiffbau und maritimer Antriebstechnik als Schlüsseltechnologie als »umfallender Sack Reis in China« erweisen könnte.
Private Equity ist nicht per se der Feind. Aber Berlin sollte sich Gedanken darüber machen, wie es den Begriff »Schlüsseltechnologie« mit Leben füllt. Das wird in Regierungskreisen sicherlich gemacht. Möglicherweise hat der Bund bei der Everllence-Frage hinter verschlossenen Türen mitgesprochen. Aber vielleicht ist es an der Zeit, vor die Tür zu treten und ein Signal zu senden, was in der industriepolitischen Regierungs-Fibel hinter dem Begriff Schlüsseltechnologie wirklich und ganz konkret steht.
Michael Meyer
Chefredakteur
HANSA International Maritime Journal

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