Schlafen, beten, essen – 125 Jahre „Ballin-Stadt“

Der Hamburger Senat hat gestern ins Rathaus eingeladen, um das 125-jährige Jubiläum der Auswandererstadt auf der Veddel zu feiern und an die Migrationsgeschichte der Hansestadt zu erinnern.
Ballin, Zahlreiche Gäste versammelten sich im Hamburger Rathaus, um das 125-jährige Jubiläum der Auswandererstadt zu feiern (© Wroblewski)
Zahlreiche Gäste versammelten sich im Hamburger Rathaus, um das 125-jährige Jubiläum der Auswandererstadt zu feiern (© Wroblewski)

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er-Jahre wanderten über den Hamburger Hafen mehr als fünf Millionen Menschen aus. Ihr Ziel war vor allem Amerika. Nach der Ermordung des russischen Zaren Alexander II. im Jahr 1881 und den darauffolgenden Pogromen kamen viele jüdische Menschen aus dem Russischen Reich in die Hansestadt, um von dort mit dem Schiff nach Amerika auszuwandern.

Die Menschen, die vor Not, Elend und Verfolgung geflüchtet waren, hielten sich in der Regel bis zu ihrer Überfahrt in Hamburg auf. Während ihres Aufenthalts waren sie häufig schlecht und überteuert untergebracht. In der Stadt waren sie nicht sonderlich willkommen, vor allem nach dem Ausbruch der Cholera 1892. Denn die Auswanderer wurden zu Unrecht für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich gemacht, an der rund 8.600 Menschen starben.

Ballin lässt Auswandererstadt bauen

Um den Menschen vor ihrer Abreise einen menschenwürdigen Aufenthalt zu ermöglichen, ließ der damalige Generaldirektor der Hapag-Lloyd, Albert Ballin, die Auswandererstadt auf der Veddel errichten. Die 1901 eröffnete und später erweiterte Anlage bot in rund 30 Gebäuden Platz für bis zu 5.000 Menschen. Die Auswanderer erhielten dort ein Bett und Verpflegung, darunter auch koscheres Essen für jüdische Reisende. Außerdem standen ihnen Gebetsräume zur Verfügung sowie medizinische Versorgung.

Die Festrede anlässlich des Senatsempfangs hielt Michel Friedman (© Wroblewski)
Die Festrede anlässlich des Senatsempfangs hielt Michel Friedman (© Wroblewski)

Doch geschah dies nicht allein aus Nächstenliebe. Für die Hapag-Lloyd und andere Reedereien in der damaligen Zeit war die Beförderung der Auswanderer ein lukratives Geschäft. Dicht gedrängt reisten die Menschen auf den Zwischendecks der Passagierschiffe nach Amerika. Jeder Passagier brachte den Reedereien Geld. Kranke Reisende konnten dagegen Kosten verursachen: Wurden sie bei der Ankunft in den USA wegen einer Erkrankung zurückgewiesen, mussten die Reedereien sie auf eigene Kosten zurückbringen. Die Unterbringung in den von der übrigen Stadt abgeschotteten Auswandererhallen und die ärztlichen Kontrollen dienten daher auch wirtschaftlichen Interessen. Sie sollten sicherstellen, dass die Passagiere ihre Reise gesund antreten konnten.

Der Gastredner beim gestrigen Senatsempfang, Michel Friedman, fasste Albert Ballins Handeln daher so zusammen: „Es war eine Mischung aus Kapitalismus und Menschlichkeit“. Natürlich habe Ballin mit den Auswanderern Geld verdient. Mit der Auswandererstadt auf der Veddel und ihren Einrichtungen habe er ihren Aufenthalt vor der Abreise jedoch menschlich gestaltet.

Anlässlich des Jubiläums ist beim Hamburger Köhler Verlag das Buch »Ballins Auswandererstadt – Mit der Hapag in die Neue Welt«. Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.

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