US-Midterms: Was die Kongresswahl für die Schifffahrt bedeutet

Die USA wählen heute einen neuen Kongress. Für die internationale Schifffahrt stehen dabei Handelskonflikte, Schiffbauförderung und geopolitische Risiken im Mittelpunkt. Welche Folgen könnte die Wahl haben?
(© The White House)
Die Machtverhältnisse im US-Kongress werden neu bestimmt. Auch für die internationale Schifffahrt steht handelspolitisch einiges auf dem Spiel (© The White House)

In den USA wird heute ein neuer Kongress gewählt. Zur Abstimmung stehen alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 der 100 Senatssitze. Für US-Präsident Donald Trump geht es auch um seinen politischen Handlungsspielraum und seine Macht in den kommenden zwei Jahren. Die Folgen könnten weit über Washington hinausreichen: Amerikanische Entscheidungen über Zölle, Sanktionen und Handelsbeziehungen haben erheblichen Einfluss auf internationale Warenströme und Lieferketten und damit auf die globale Schifffahrt.

Ob die Zwischenwahlen tatsächlich einen Kurswechsel einleiten, ist offen. Selbst wenn die Demokraten eine oder beide Kammern übernehmen, bleibt Trump bis zum Ende seiner Amtszeit Präsident. Gerade in der Handels- und Außenpolitik kann seine Regierung zahlreiche Entscheidungen ohne neue Gesetze des Kongresses treffen. Darauf weist auch die US-Investmentbank Morgan Stanley in einer aktuellen Analyse hin. Ein Wechsel der Mehrheitsverhältnisse müsse demnach nicht zwangsläufig zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik führen. Größere Veränderungen seien vor allem bei der Gesetzgebung, der Kontrolle der Regierung und den Verhandlungen über den Bundeshaushalt denkbar.

Handelskonflikt mit China bleibt entscheidend

Für die Schifffahrt steht vor allem das Verhältnis zwischen den USA und China im Mittelpunkt. Beide Länder versuchen seit einigen Jahren, ihre wirtschaftlichen Interessen zunehmend auch mit maritimen Maßnahmen durchzusetzen. Besonders deutlich wurde das an den amerikanischen Hafengebühren für Schiffe mit chinesischem Bezug.

Die im Oktober 2025 eingeführten Maßnahmen wurden im Zuge einer Vereinbarung zwischen Washington und Peking für ein Jahr ausgesetzt. Die Aussetzung endet am 9. November 2026. Der US-Handelsbeauftragte USTR schlägt nun vor, sie um weitere zwei Monate bis zum 9. Januar 2027 zu verlängern. Das geht aus einer am 26. Oktober im Federal Register veröffentlichten Bekanntmachung hervor. Endgültig entschieden ist die Verlängerung allerdings noch nicht.

Washington will damit mehr Zeit für die laufenden Handelsgespräche mit Peking gewinnen. Im Mittelpunkt steht weiterhin die chinesische Schiffbau- und Logistikindustrie. Der US-Regierung sind vor allem die staatliche Unterstützung und die aus ihrer Sicht unfairen Wettbewerbsbedingungen ein Dorn im Auge.

Die möglichen Folgen reichen über chinesische Reedereien hinaus. Zusätzliche Hafengebühren könnten nach einer Analyse von S&P Global vor allem amerikanische Exporteure von Kohle und Metallen belasten. Höhere Transportkosten und eine eingeschränkte Schiffsauswahl könnten deren Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

Auch die International Chamber of Shipping (ICS) sprach sich am Montag für eine weitere Aussetzung aus. Der internationale Reederverband unterstützt grundsätzlich den Ausbau der amerikanischen Schiffbaukapazitäten, warnt aber vor den Folgen zusätzlicher Gebühren für die internationale Schifffahrt. Die ICS fordert eine dauerhafte Lösung, damit Reedereien und Verlader besser planen können.

Wie es mit den Gebühren weitergeht, hängt zunächst von den Verhandlungen zwischen Washington und Peking ab. Die Midterms dürften daran kurzfristig wenig ändern. Sie könnten aber beeinflussen, wie stark die amerikanische Handelspolitik künftig im Kongress hinterfragt wird.

Neue Chancen für den US-Schiffbau?

Mehr unmittelbaren Einfluss hat der Kongress auf die maritime Industriepolitik. Die Trump-Regierung will die amerikanische Handelsflotte stärken und die heimischen Werftkapazitäten ausbauen. Ein wichtiges Vorhaben ist der „Ships for America Act„, dessen Bestimmungen teilweise in das Verteidigungshaushaltsgesetz für 2027 aufgenommen wurden.

Das Repräsentantenhaus verabschiedete die entsprechenden Regelungen am 22. Juli. Sie sehen unter anderem vor, dass ein festgelegter Anteil bestimmter kommerzieller Importladungen künftig auf qualifizierten US-Flaggenschiffen transportiert werden muss. Nach einer Analyse der Kanzlei DLA Piper läge die Quote zunächst bei mindestens 3% und würde später stufenweise steigen. Betroffen wären bestimmte Containerladungen und Fahrzeugimporte. Bei Verstößen könnten massive finanzielle Sanktionen drohen.

Beschlossen ist die Regelung noch nicht, sie muss das weitere Gesetzgebungsverfahren durchlaufen. Die künftigen Mehrheitsverhältnisse könnten mitentscheiden, welche Teile des Vorhabens tatsächlich umgesetzt werden.

Für die weltweite Schifffahrt hätte eine solche Verpflichtung erhebliche Bedeutung. Verlader müssten gegebenenfalls ihre Transportverträge und ihre Kapazitätsplanung anpassen. Auch für ausländische Reedereien könnten sich auf bestimmten Relationen die Wettbewerbsbedingungen verändern.

Hinzu kommt die Finanzierung der amerikanischen Hafeninfrastruktur. Der US-Schifffahrtsbehörde „Marad“ standen im Haushaltsjahr 2026 im Rahmen des Port Infrastructure Development Program knapp 498 Mio. $ für Förderprojekte zur Verfügung. Über die weitere Ausstattung solcher Programme entscheidet maßgeblich der Kongress. Die Wahl berührt damit auch die langfristigen Investitionsbedingungen für Häfen und maritime Infrastruktur.

Jones Act und Tankermärkte unter Druck

Offen ist auch die Zukunft des Jones Act. Das Gesetz behält den Seetransport innerhalb der USA grundsätzlich Schiffen vor, die bestimmte Anforderungen an Bauort, Flagge, Eigentümer und Besatzung erfüllen. Wegen der Energiepreisentwicklung infolge des Iran-Kriegs ließ die Trump-Regierung, also die Republikaner, im März zeitlich begrenzte Ausnahmen zu. Unter bestimmten Voraussetzungen können seither auch ausländische Schiffe entsprechende Transporte zwischen US-Häfen übernehmen.

Zusätzliche Schiffskapazitäten können die Transportmöglichkeiten für Energieprodukte erweitern. Der Jones Act zielt dagegen vor allem auf den Schutz der amerikanischen Handelsflotte. Über weitere Ausnahmen entscheidet die Exekutive. Sie wären keine unmittelbare Folge der Kongresswahl.

Noch größere Auswirkungen auf die Tankermärkte könnte die weitere amerikanische Iran-Politik haben. Die Einschränkungen in der Straße von Hormus durch den Iran haben den Energiehandel und die Beschäftigung der Tankerflotte im laufenden Jahr erheblich verändert. S&P Global berichtete bereits Ende August, die Zahl der Schiffspassagen durch die Meerenge sei seit Beginn des Konflikts um mehr als 80% zurückgegangen. Alternative, teils längere Transportwege erhöhten zugleich den Bedarf an Schiffskapazität.

Inzwischen gibt es neue diplomatische Bemühungen. Medienberichten vom Montag zufolge soll es Gespräche unter Vermittlung Katars geben, verbunden mit der Hoffnung auf eine Vereinbarung zur Wiederöffnung der Straße von Hormus. Eine Einigung wurde bislang nicht erreicht.

Finanzmärkte: Mehr Unsicherheit als Kurswechsel

An den Finanzmärkten richtet sich der Blick auf die möglichen wirtschaftspolitischen Folgen der Wahl. Ein geteilter Kongress könnte größere Gesetzesvorhaben erschweren und Haushaltsverhandlungen komplizierter machen. Eine veränderte Mehrheit bedeutet andererseits nicht zwangsläufig, dass bestehende Maßnahmen zurückgenommen werden.

Die Deutsche-Bank-Tochter DWS betont in ihrer Analyse von Ende Oktober, für die Reaktion der Kapitalmärkte sei weniger das Wahlergebnis allein entscheidend als die Frage, welche Erwartungen bereits in den Kursen berücksichtigt sind. Auch die UBS verweist darauf, dass Wirtschaftswachstum, Unternehmensgewinne, Inflation und Zinsentwicklung für Aktien-, Anleihe- und Devisenmärkte voraussichtlich wichtiger bleiben als die Wahl selbst.

Für die Schifffahrt ist diese Unterscheidung relevant. Ein höheres Zinsniveau kann die Finanzierung von Neubauten und Infrastrukturprojekten verteuern. Wechselkursbewegungen beeinflussen die Kosten- und Erlösstruktur international tätiger Konzerne. Für die Beschäftigung der Handelsflotte bleibt jedoch vor allem die Entwicklung des Welthandels maßgeblich.

Dessen Aussichten haben sich zuletzt verbessert: Die Welthandelsorganisation WTO hob Anfang Oktober ihre Prognose für das globale Warenhandelsvolumen an. Sie erwartet für 2026 ein Wachstum von 3,9% und für das kommende Jahr von 4,1%. Als wichtige Treiber nennt sie unter anderem Investitionen in KI-Infrastruktur sowie die Anpassungsfähigkeit internationaler Lieferketten an die Störungen im Nahen Osten.

Zeit nach der Wahl entscheidend

Für die maritime Industrie dürfte weniger die Wahlnacht selbst als die anschließende politische Entwicklung von Bedeutung sein. Der neu gewählte Kongress tritt erst Anfang Januar 2027 zusammen. Bis dahin stehen bereits mehrere Entscheidungen an, darunter die mögliche Verlängerung der Aussetzung der Hafengebühren und die Zukunft der Jones-Act-Ausnahmen. Danach wird sich zeigen, welchen Einfluss die neuen Mehrheitsverhältnisse auf die amerikanische Schiffbaupolitik, die Finanzierung von Häfen und die Regulierung des Außenhandels haben.

Eine grundlegende Änderung der US-Handelspolitik ist mit den Midterms noch nicht verbunden. Für Reedereien, Werften und Verlader bleiben dennoch zahlreiche Fragen offen. Die Entscheidungen in Washington können sowohl die Kosten des Seetransports als auch die Verteilung internationaler Ladungsströme beeinflussen. Die Wahl bestimmt mit, unter welchen parlamentarischen Bedingungen sie künftig fallen.

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