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Der Verband Deutscher Reeder fordert mit deutlichen Worten die Anrainerstaaten auf, die Piraterie im Golf von Guinea stärker zu bekämpfen. Auch die Bundesregierung müsse aktiver werden.

Auch wenn es positiv für die deutsche Handelsschifffahrt sei, dass weltweit die Zahl der Piratenübergriffe sinkt. Das dürfe aber nicht über die »äußerst beunruhigende Entwicklung im Westen Afrikas« hinwegtäuschen, heißt es in einem Statement des Verbands.

»Die Anrainerstaaten müssen unbedingt mehr tun, um die Piraterie in ihren Gewässern nachhaltig zu bekämpfen. Sie bezeichnen sich als souveräne Staaten, sind aber de facto nicht in der Lage, ausreichend Sicherheit zu schaffen. Es besteht dringender Bedarf an verstärkter Zusammenarbeit und Austausch von Informationen zwischen und mit den Ländern im Golf von Guinea«, sagte Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verband Deutscher Reeder (VDR).

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Ralf Nagel (Foto: VDR)

Er forderte zudem die Bundesregierung auf, auf diplomatischem Weg bilateral mehr Sicherheit einzufordern. Deutschland müsse sich dafür einsetzen, dass vor Westafrika ähnlich wie vor Somalia zumindest ein stets aktuelles und valides Lagebild möglich sei, um Risiken besser einschätzen zu können. »Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie sich eine Situation wie seinerzeit am Horn von Afrika entwickelt«, so Nagel weiter.

Weniger Piraterie weltweit

Ausgangspunkt für den Vorstoß des VDR war die heute vorgelegte Piraterie-Bilanz des Internationalen Maritime Bureau (IMB) für das vergangene Jahr. Demnach gab es trotz des Rückgangs der Piraterieangriffe insgesamt einen alarmierenden Anstieg der Entführungen von Besatzungsmitgliedern im Golf von Guinea.

2019 wurden dem IMB Piracy Reporting Center (PRC) weltweit 162 Piraterieangriffe und bewaffnete Raubüberfälle auf Schiffe gemeldet, im Vergleich zu 201 Vorkommnissen im Jahr 2018. Die Vorfälle umfassen vier entführte und 11 beschossene Schiffe, 17 versuchte Überfälle und 130 geenterte Schiffe, so die neuesten Zahlen des IMB.

Die Zahl der im Golf von Guinea entführten Besatzungsmitgliedern stieg um mehr als 50 % von 78 Besatzungsmitgliedern im Jahr 2018 auf 121 Seeleute im Jahr 2019. Dies entspricht über 90 % der weltweit gemeldeten Entführungen auf See, wobei allein im letzten Quartal 2019 insgesamt 64 Besatzungsmitglieder bei sechs verschiedenen Vorfällen entführt wurden. Auf die Region entfielen 64 Piraterieangriffe, darunter alle vier Schiffsentführungen, die sich 2019 ereigneten, sowie 10 von 11 Schiffen, die beschossen wurden.

»Wir sind weiterhin besorgt darüber, dass diese Region einen beispiellosen Anstieg der Entführungen von Besatzungsmitgliedern verzeichnet. Die jüngsten Statistiken bestätigen die Bedeutung eines verstärkten Informationsaustauschs und einer besseren Koordinierung zwischen den Schiffen, den Melde- und den Einsatzkräften in der Region des Golfs von Guinea. Ohne die erforderlichen Meldestrukturen werden wir nicht in der Lage sein, die Hochrisikogebiete für Seeleute genau zu ermitteln und dem Anstieg von Piratenvorfällen in diesen nach wie vor gefährdeten Gewässern entgegenzuwirken«, sagte Michael Howlett, Direktor des Internationalen Maritimen Büros der ICC.

  • Straße von Singapur

Auch die Straße von Singapur, die die Straße von Malakka mit dem Südchinesischen Meer verbindet, verzeichnet einen Anstieg mit 12 gemeldeten Piratenangriffen im Jahr 2019, davon 11 im letzten Quartal des Jahres. In der gleichen Region gab es für das gesamte Jahr 2018 nur drei Vorfälle. Zudem gelang es den Piraten, in 10 Fällen die Schiffe auch zu entern. Trotz dieses Anstiegs hält IMB die Intensität der Angriffe in der Straße von Singapur für »gering« und beschränkt sich in der Regel auf bewaffnete Raubüberfälle vom Schiff aus. »Dies ist eine gefährliche Ablenkung für die Besatzung, die die Schiffe durch diese verstopften Gewässer navigieren müssen«, so Howlett.

  • Indonesien

Die Zahl der bewaffneten Raubüberfälle in indonesischen Häfen ist von 36 Angriffen im Jahr 2018 auf 25 im Jahr 2019 zurückgegangen. Der Dialog und die Koordination zwischen der indonesischen Schifffahrtspolizei (IMP) und dem IMB PRC hat dem Bericht zufolge zu einem Rückgang der regionalen Vorfälle geführt. Erstmals seit 2015 wurden zudem aus Bangladesch für 2019 keine Angriffe gemeldet.

  • Keine Vorfälle in Somalia, aber weiterhin bestehende Risiken

Auch in Somalia gab es keine Piratenangriffe, aber die Risiken bleiben bestehen. Das IMB PRC rät Schiffseignern und Besatzungen bei Reisen durch die Region weiterhin zur Vorsicht. Der Bericht warnt insbesondere davor, dass »somalische Piraten immer noch die Fähigkeit besitzen, Angriffe im somalischen Becken und im weiteren Indischen Ozean durchzuführen«.